Einzelkritiken und die Linguistik des Bewertens

Eine schöne Textsorte der Fußballberichterstattung sind Einzelkritiken, also jene kurzen Texte, in denen die Leistungen der einzelnen Spieler in einigen Sätzen bewertet werden. Es sind also sprachlich ausformulierte Fassungen zu den Spielernoten, die der kicker seit der Gründung der Bundesliga nach jedem Spieltag für jeden einzelnen Spieler vergibt. Und ein besonderer Glücksfall für korpuslinguistische Zwecke sind die Einzelkritiken von spox.com, die Noten und erläuternde Texte kombinieren.

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Wenn Unis Fußballclubs wären…

…und Wissenschaftler*innen statt nach Forschungsgeldern nach Siegprämien trachten würden, wenn ihre strategischen Ausrichtungen weniger auf die Besetzung von Forschungsthemen, sondern von Räumen auf dem Fußballfeld gerichtet wären, wenn Nachwuchsförderung vor allem dem Formaufbau und der taktischen Schulung von jungen Spieler*innen dienen würde, wenn Kooperationen in erster Linie Teamleistung auf dem Platz wäre. Man kann sich lange ausmalen, wie das wäre, und so manche Parallele zwischen Universität und Fußball scheint gar nicht mal so sehr an den Haaren herbeigezogen.

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Radiofußballlinguistik Pt. 2

Turn-Taking in der ARD-Bundesligakonferenz

Ein Gastbeitrag von Leonard Brandbeck

Dass die nach wie vor so populäre ARD-Bundesligakonferenz unter Fußballfans als eine „Institution“ der deutschen Sportberichterstattung angesehen wird, ist bereits im ersten Teil über die Struktur der einzelnen Berichterstattungselemente angeklungen. Umso erstaunlicher ist es, dass sich die (Fußball-)Linguistik bislang kaum mit ihr auseinandergesetzt hat. Bisherige Untersuchungen stammen eher aus der Publizistik bzw. Kommunikationswissenschaft, die Linguistik hat sich bisher meist auf die Beschäftigung mit Voll- oder Teilreportagen einzelner Spiele beschränkt.

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Niemand erkennt den Roboterjournalisten!

Ein Gastbeitrag von Constantin Cebulla

Hat ein Mensch den Text geschrieben, den ich lese? Selbstverständlich ist die Antwort auf diese Frage nicht. Denn Roboterjournalisten sind durchaus in der Lage, Texte zu allen erdenklichen Themen zu schreiben – und dies eigenständig von der Recherche bis hin zur Publikation. Besonders leicht fällt dies den Maschinen bei kurzen Texten, die stets nach einem ähnlichen Schema aufgebaut sind und zu denen eine große Menge an Daten verfügbar ist – so beispielsweise bei Fussballspielberichten.

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Kontrastive Fußballidiomatik

In einem früheren Blogpost habe ich eine korpuslinguistische Methode zur automatisierten Detektion von ‚Phrasen‘ vorgestellt. Die basiert auf einer sog. Kollokationsanalyse und funktioniert kurz gesagt so, dass in einem Korpus Wortpaare gefunden werden, deren Bestandteile für sich genommen selten, dafür aber recht häufig zusammen vorkommen (und zwar im statistischen Sinne signifikant häufig). Thematisch homogene Korpora wie etwa Liveticker-Korpora sind hierfür ideal, denn wenn bspw. in Livetickern überhaupt von einer Messe die Rede ist, dann wohl immer in der Weise, dass sie (noch nicht) gelesen ist. Der Phrasendetektor findet also Wortverbindungen, deren Komponenten in ihrer wörtlichen Bedeutung thematisch nicht einschlägig sind, dafür aber in genau dieser Kombination idiomatische Bedeutung haben und als Idiome wiederum sehr domänentypisch sind.

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Radiofussballlinguistik Pt. 1

Reportagestruktur der ARD-Bundesligakonferenz

Ein Gastbeitrag von Leonard Brandbeck

Samstagnachmittags um 15.30 Uhr das Radio einzuschalten, das gehört für viele Fußballfans in Deutschland immer noch zum Pflichtprogramm. Nach wie vor lauschen mehr als acht Millionen Menschen den um diese Zeit übertragenen Partien der (Herren-)Bundesliga; kaum ein anderes Hörfunkformat kann sich mit der Popularität der ARD-Bundesligakonferenz messen: Die dramatische Sprechmelodie der Reporter*innen sowie die ikonischen Torschreie sind unverkennbar, emotionale und dramatische Reportagen wie die vom Abstiegskampf am letzten Spieltag der Saison 1998/1999 („Ich pack das nicht! Ich halt das nicht mehr aus! Ich will das nicht mehr sehen!“) haben sich in das kollektive Gedächtnis der Fangemeinde eingebrannt, und langjährige Reporter*innen wie Manfred Breuckmann, Günther Koch oder Sabine Töpperwien sind längst selbst zu Legenden geworden – die ARD-Bundesligakonferenz gilt als eine „Institution“ der deutschen Sportberichterstattung.

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F***t euren Stammbaum!

Den Shitstorm, der über Franck Ribéry nach Verzehr des vergoldeten Steaks hereingebrochen ist (im Gegensatz zu Lionel Messi übrigens, der auch eins gegessen hat), hat er mit einer bemerkenswerten „Pöbelattacke“ gekontert – so heißt es in vielen Newsportalen. Ein Totalausfall, ein Ausraster, so formuliert etwa die GQ. Voilà, hier ist der Text (und hier der Link zum Originaltweet):

Ich persönlich finde, dass die Bezeichnungen „Pöbelattacke“, „Totalausfall“ und „Ausraster“ den Text nicht wirklich gut charakterisieren. Das klingt zu sehr nach unkontrolliertem emotionalem Ausbruch, aber dafür ist der Text zu gut komponiert (mal abgesehen davon, dass man möglicherweise aus Wut heraus, aber kaum in Rage ein Sharepic erstellt und auf Twitter publiziert). Der rhetorische Terminus „Invektive“ (Schmährede) trifft da schon besser, ist der Text doch ganz offenbar geplant und auch rhetorisch durchgestaltetet. Von der ganz klassischen Invektive (vgl. hierzu Neumann, U. (1998): „Invektive“. In: G. Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 4. Tübingen: Niemeyer, 549–561) mag sich Ribérys Tweet zwar dadurch unterscheiden, dass sich die Schmähung hier nicht gegen eine konkrete Person richtet, sondern vielmehr an die diffuse Menge, die den Shitstorm kollaborativ hervorgebracht hat. Aber nicht zuletzt die sorgsam bediente „Schmähtopik“ und die wortspielerische Kreativität der Beschimpfungen ordnen den Tweet in die Tradition der Schmähreden ein.

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Die ewige Elf des Tages

Seit der allerersten Bundesligasaison kürt der Kicker zu jedem Spieltag eine Elf des Tages. Auf kicker.de sind all diese Allstar-Teams einzusehen. Auch wird am Ende jeder Spielzeit eine Elf der Saison gekürt, vor allem auf Grundlage der Durchschnittsnoten. Das ist sicher sinnvoll, trotzdem kann man ja auch mal probehalber schauen, welche Rankings sich ergeben, wenn man die Nominierungen für die Elf des Tages akkumuliert, und zwar nach Spielernamen wie auch nach Clubs. Welche Spieler und welche Clubs wurden am häufigsten für die Elf des Tages nominiert? Das kann man saisonweise oder auch, im Stile einer ewigen Elf des Tages, für die komplette Bundesligageschichte tun.

Auf kicker.de muss man sich von Spieltag zu Spieltag durchklicken, was bei 1870 Elfs des Tages recht mühsam wäre. Mit diesem Script (Github) lässt sich das Ganze aber automatisiert erledigen. Und hier also zunächst einmal die ersten 30 Plätze der ewigen Elf des Tages nach Spielern:

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Mündliche Korpora zur Fußballlinguistik?

Die Ergänzung meiner Korpora zur Fußballlinguistik um gesprochene Sprache ist ein lang gehegter Wunsch von mir. Auf meiner Festplatte habe ich schon so manches Transkript, etwa aus meinem Pressekonferenzenprojekt oder zum Doppelpass-Projekt. Aber das mündliche Fußballgenre schlechthin (und wahrscheinlich auch das am intensivsten beforschte Genre) sind natürlich die Livereportagen, im Fernsehen oder besser noch im Radio. Diese Daten hätte ich gerne bzw. würde sie gerne anderen Forschenden für deren Forschungen zur Verfügung stellen. Allein die Transkriptionsarbeit ist eine sehr zeitaufwändige Sache, und so ist es bislang bei dem Wunsch geblieben.

Unverhoffte Hilfe aus Wien

Nun aber meldete sich vor ein paar Tagen Leonard bei mir, ein, wie ich bald merke, regelmäßiger Liker meines Twitteraccounts, und vor allem seines Zeichens Student der Sprachwissenschaft an der Universität Wien. Leonard schließt gerade sein Studium mit einer Master-Arbeit zum Thema „Sequentialität und Turn-Taking in ARD-Bundesligakonferenzen im Radio“ ab und hat dafür fünf halbstündige Sequenzen aus der Hinrunde der Saison 2017/18 nach GAT-Konventionen transkribiert. Und damit, ich zitiere aus seiner Mail, von seiner „schweißtreibenden Transkriptionsarbeit vielleicht auch noch andere profitieren können“, bietet er mir die Transkripte und die zugehörigen Audiodaten zur Implementierung in meine Korpora an.

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…sagte/flachste/unkte Tuchel – redesignalisierende Verben im Sprachvergleich

Auf der Seite weltfussball.de finden sich nicht nur die (zumindest unter den auf klassische Berichterstattung abzielenden Anbietern) besten Liveticker, sondern auch Unmengen von Newsmeldungen zu allen möglichen Ligen dieser Welt. Und das Unternehmen im Hintergrund, die HEIM:SPIEL Medien GmbH betreibt auch noch alle möglichen länderspezifischen Varianten wie z.B. die auf den Schweizer Fussball spezialisierte Seite weltfussball.com oder die englische Seite worldfootball.net mit ebenfalls unzähligen Newsmeldungen. Eine tolle Ressource also für sprach(raum)vergleichende Analysen!

Die Newsmeldungen sind, wie fast alle Texte der Seite, Produkte des Hochgeschwindigkeitsjournalismus. Im wesentlichen haben sie die Funktion, Pressemeldungen und andere Verlautbarungen der Clubs und Verbände in leicht konsumierbaren Häppchen weiterzureichen. Die meisten Meldungen sind deshalb Zitatenberichte, die um die vielen direkten Redewiedergaben nur noch ein paar einleitende und ausschmückende Worte herumstricken müssen.

Korpuslinguistische Untersuchung von Redeverben

Die mehrsprachige Anlage der Seite macht es nun möglich, ohne allzu großen Aufwand die sprachspezifischen Weisen der Redewiedergabe zu untersuchen. Vor kurzem habe ich deshalb zwei Korpora mit jeweils rund 20.000 deutschen und englischen Newsmeldungen (jeweils rund 5 Mio. Tokens) von weltfussball.de/worldfootbal.net erstellt, um insbesondere den Formen der Redewiedergabe empirisch breit gestützt nachgehen zu können.

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