Für ein aktuelles Publikationsprojekt habe ich vom Kicker Zugriff auf das digitale Archiv erhalten. Über 100 Jahre Fußballgeschichte, von der ersten Ausgabe 1920 bis heute. Eine ideale Ressource, um den Twitteraccount „Goals from the past“ (@retrolivetext), über den Jürgen Hermes und ich die Verläufer historischer Fußballspiele tickern, einmal mit ‚wirklich‘ historischen Partien zu bespielen. Goals from the remote past sozusagen. Die demnächst anstehenden Testspiele gegen Dänemark und Lettland werden wir dafür nutzen (mit den Partien von 1927 und 1937), und auch das EM-Vorrundenspiel gegen Ungarn haben wir im Programm mit – oh Wunder – dem Wunder von Bern 1954.

Eigentlich funktioniert @retrolivetext ja so, dass wir alte Liveticker automatisiert auf den neuen Termin schedulen. Liveticker gibt es aber erst seit gut 20 Jahren. Ein Blick in die alten Kicker-Ausgaben zeigt jedoch, dass die damaligen Spielberichte den heutigen Tickern erstaunlich ähnlich sind. Als Livereportagen nur sehr sporadisch verfügbar waren, wurden auch Spielberichte als Minutenprotokolle verfasst, um den Lesern wenigstens nachträglich eine Art Nacherleben der Spiele zu ermöglichen.

So fällt zunächst auf, dass die Berichte häufig im Präsens geschrieben sind. Und auch Emulierungen von Mündlichkeit, die in der Forschung häufig als registertypische Merkmale von Livetickern beschrieben werden, lassen sich bereits in den alten Spielberichten finden:

Ein Foul von Wendl, ein äußerst geschickt getretener Strafstoß von Constantino, Schiavio köpft . . . . vorbei. Ah!!

Kicker, 1931, Nr. 1, S. 7

Auch sind die Texte oft in kleinere Abschnitte gegliedert, die jeweils eine Szene, manchmal sogar mit genauer Minutenangabe, beschreiben:

Haringer scheidet aus (33. Minute).
Der deutsche Verteidiger hält die linke Schulter, er verläßt das Spielfeld, es soll sich um einen Schlüsselbeinbruch handeln. Für ihn tritt bald darauf Schäfer von 1860 München ein. […]

Das war die Chance.
Nach einer Abseitsstellung von Politz erwischt Lachner das Leder, er schiebt aber nur auf das verlassene Tor, ein Erfolg scheint unvermeidlich, da erscheint als Retter in der Not Biro, der diese sicherste aller Chancen vereitelt.

Kicker, 1934, Nr. 3, S. 6

Um derartige Berichte in ein @retrolivetext-kompatibles Tickerformat zu bringen, braucht es also nur sehr wenige Anpassungen. Man muss hier und da ein wenig kürzen und man muss dort, wo man keine exakte Minutenangabe hat, eben eine plausible ergänzen. Am Ende muss man dann nur noch die einzelnen Meldungen in die charakteristische rückläufig-chronologische Reihenfolge bringen (was in der Shell mit tail -r sehr einfach geht) und schon hat man einen veritablen Liveticker eines historischen Fußballspiels. Auch die Aufbereitung der Texte für die technische Prozessierung mit Jürgen Hermes‘ Java Toolbox Ticker2Chirp ist dann schnell gemacht, so dass die Ticker dann automatisiert und zeitlich inkrementell über Twitter publiziert werden können.

Kontinuität und Wandel der Fußball(live)berichterstattung

Es ist wirklich beeindruckend, wie wenig sich diese Liveticker dann von heutigen unterscheiden, wie man in Kürze auf @retrolivetext wird nachlesen können. Ich kann jetzt schon versichern, dass ich kaum ein Wort dazugedichtet habe; ich habe lediglich ein wenig gekürzt (280 Zeichen!) und das Tempus, das in den Originaltexten manchmal ins Präteritum wechselt, ganz konsequent ins Präsens gesetzt. Das Ergebnis sind Texte, die auch heute wohl noch akzeptabel wären.

Ganz vereinzelt findet man natürlich Formulierungen, die aus heutiger Sicht auffällig sind. Die Verwendung von foul als attributives Adjektiv etwa (durch foules Spiel), die heute eher ungebräuchliche Kollokation Flanken geben (wiewohl wir den Flankengeber noch kennen). Auffallend häufig ist das Verb legen wie in legt den Ball köpfend zu Münzenberg, das klingt für heutige Ohren eher schräg. Schließlich finden sich aus der Mode gekommene Positionsbezeichnungen wie Mittelläufer oder Halblinker, die auf die (von Tobi Escher rekonstruierte) Geschichtlichkeit der Fußballtaktik verweisen.

All das sind aber gemessen an den vielen Gemeinsamkeiten mit heutigen Tickern wirklich Kleinigkeiten. Es ist faszinierend zu sehen, wie stabil das Register der Fußballberichterstattung über Jahrzehnte hinweg ist – und wie auch schon vor 90 Jahren Formulierungsroutinen herrschten, um den Eindruck von Liveness auch im Medium der Schrift zu erzeugen.