Braucht es eine Fußballlinguistik?

Eine Replik auf Tahir Balcı

Im fünften Band der Schriftenreihe „Schriften zur Sprache und Literatur“ (Open Access), einem Forum für die neuphilologische und v.a. germanistische Forschung in der Türkei, hat der Herausgeber Prof. Dr. Tahir Balcı (Çukurova Üniversitesi) als eröffnenden Beitrag eine Miszelle mit dem Titel „Fußballlinguistik? Einspruch gegen den Wirrwarr in der Begrifflichkeit der Angewandten Linguistik“ veröffentlicht. Tahir Balcı, ein sehr vielfältig interessierter Sprachwissenschaftler, hat mich eigens per Email auf die Publikation hingewiesen, in der er die Fußballlinguistik als „fraglich“ und „inhaltlich und formal unhaltbar“ verurteilt. In glossenhaftem Stil wirft er mir vor, ein linguistisches Durcheinander mit zu verursachen, indem ich eine völlig überflüssige Disziplin ‚erfunden‘ hätte.

Hauptquelle für Balcıs Einspruch ist eben dieser Blog hier fussballlinguistik.de, dessen einzelne Beiträge er eher nicht, dafür aber die Unterseiten wie „Über Fußballlinguistik“ usw. umso genauer gelesen hat und ausführlich paraphrasiert. Weitestgehend unabhängig von den Inhalten und auch ohne über die wissenschaftliche bzw. wissenschaftskommunikative Qualität des Blogs und der dort publizierten Beiträge und Ressourcen (die Korpora!) zu urteilen, ist es einzig und allein der titelgebende Terminus „Fussballlinguistik“, der bei ihm Anstoß erregt. Diesen hätte ich erfunden (was fast stimmt, wenn man von dem berühmten Band „The Linguistics of Football“ (ed. Lavric 2008) einmal absieht), wolle ihn „durchsetzen“ und würde dabei die linguistischen Gegebenheiten, vor allem die erprobten subdisziplinären Einteilungen der Angewandten Linguistik unterlaufen und den Begriff „Linguistik“ entleeren und entstellen.

Die Ernsthaftigkeit, mit der hier gegen mein Blogprojekt Einspruch erhoben wird, finde ich sehr bemerkenswert. Der Blog ist gedacht als ein niedrigschwelliges Forum zur öffentlichkeitsnahen Publikation kleineren Analysen und Betrachtungen zum Thema Fußball aus linguistischer Sicht. Er richtet sich sowohl an fußballinteressierte Sprachwissenschaftler:innen als auch an sprachinteressierte Fußballfans und -expert:innen. Als ich den Blog initiiert habe, brauchte ich ein griffiges Label und habe mich in Fortsetzung und auch in ironischer Kommentierung des unverkennbaren Trends, laufend neue Subdisziplinen der Angewandten Linguistik zu begründen, für „Fußballlinguistik“ entschieden.

Im Editorial zum Blog, aus dem ich hier gerne noch einmal zitiere, habe ich die ironische Note zum Ausdruck zu bringen versucht:

Fußballlinguistik ist eine hübsche kleine sprachwissenschaftliche Bindestrichdisziplin (und nebenbei bemerkt die einzige mit drei l), die der Begeisterung für den Fußball und vor allem für das Reden über den Fußball endlich die wohlverdienten wissenschaftlichen Weihen verleiht. Alles, was man linguistisch untersuchen kann, kann man natürlich auch am Beispiel des Fußballs, dieser unerschöpflichen thematischen Ressource für Medien- und Alltagskommunikation, untersuchen.

https://fussballlinguistik.de/fussballlinguistik-2/

Diese ironische Distanzierung hat Tahir Balcı vielleicht gesehen, aber nicht gewürdigt, ebenso wenig die Tatsache, dass es sich bei dem Blog in erster Linie um ein wissenschaftskommunikatives Projekt handelt. Ich habe nie versucht, die „Fußballlinguistik“ durchzusetzen oder ihm Kanon der linguistischen Subdisziplinen zu verankern, ja ich selbst bin in meinen eigenen wissenschaftlichen Publikationen zum Thema äußerst zurückhaltend und nutze weniger plakative Ausdrücke wie „linguistische Forschung zur Fußballberichterstattung“ oder ähnliches – die aber leider nicht als Blogtitel und Domainbezeichnungen geeignet sind.

Tahir Balcı sorgt sich offenbar um die tradierte disziplinäre Ordnung des Fachs, wenn er befürchtet, dass die mit „Fußballlinguistik“ einmal etablierte „irreführende Methode der Begriffsbildung“ dazu führen könnte, dass wir bald auch eine „Gartenlinguistik, Freimaurerlinguistik, Tischlerlinguistik“ oder im Bereich der Sports eine „Basketballlinguistik“ usw. haben werden. Ja, das wäre wohl tatsächlich zu viel des Guten, wenn damit tatsächlich Disziplinen etabliert werden sollten mit den üblichen Zutaten wie Lehrwerken, Fachgesellschaften, Kongressen usw. Das aber ist schon bei der Fußballlinguistik nie der Fall gewesen. Andererseits könnte ich mir „Gartenlinguistik“ als Titel einer Tagung, Publikation oder eines Blogs sehr gut vorstellen und wäre tatsächlich interessiert zu erfahren, worum es darin gehen würde, zumal es hierzu ja bereits eine lebendige Forschung gibt.

Überhaupt könnte man die Berechtigung einer Subdisziplin oder eines Forschungsgebietes, das sich auch als solches bezeichnet, davon abhängig machen, ob es hier lebendige Forschungstätigkeit gibt. Wenn ich mir meine begonnene Bibliographie zur Fußballlinguistik mit ihren 219 Einträgen ansehe, von denen nur ein sehr kleiner Teil von mir stammt, finde ich das tatsächlich nicht abwegig. Und die Bibliographie zeigt auch, dass Tahir Balcıs Vorschlag, stattdessen von Fußballsprache zu sprechen, nicht aufgeht. Was ich zur Fußballlinguistik (oder meinetwegen auch zur linguistischen Fußballforschung) zählen würde, umfasst weit mehr als Fußballsprache – so wie die Politolinguistik mehr untersucht als die Sprache von Politiker:innen. Umgekehrt finde ich Tahir Balcıs Vorschlag, stattdessen von Sportlinguistik zu sprechen, für meine eigene Forschung auch nicht überzeugend, wenn es am Ende doch nur um Fußballlinguistik geht.

Die Konstitution von Subdisziplinen

Tritt man einen Schritt zurück, zeigt sich in dieser ganzen Diskussion in mustergültiger Form ein Beispiel für das, was die Sprachwissenschaftlerin Nina Kalwa (TU Darmstadt) als diskursive Konstitution (sprach-)wissenschaftlicher Teildisziplinen untersucht (Kalwa 2018 und i.E.). Wie Kalwa überzeugend darlegt, darf das Benennen hier als eine Kardinalpraktik gelten. Subdisziplinen kommen dann in die Existenz, wenn sie als solche benannt werden, und die Kompositabildung ist nun wirklich keine Außergewöhnlichkeit, wie etwa folgende Aufstellung von Bindestrichlinguistiken in Einführungswerken des Narr-Verlags zeigt:

Abb. aus Kalwa 2018, S. 150

Dass Neuprägungen auf Widerstand stoßen, ist ein bekanntes Phänomen. Auch die Text- und Diskurslinguistik haben das durchgemacht, letzthin konnte man es auch bei der Internetlinguistik oder der Kritiklinguistik beobachten. Ich will die Fußballlinguistik eher nicht auf eine Stufe mit diesen Subdisziplinen stellen, aber finde eben doch, dass ein solches Label wichtige erkenntnisleitende Funktion hat: Es lädt dazu ein, bisher verstreutes zusammenzudenken und sich über den Gegenstandsbereich und das angemessene Theorie- und Methodenset – eben ihre disziplinäre Identität – Gedanken zu machen. Das kann im besten Falle die Wissenschaft voranbringen.

Darüber hinaus scheint mir das auch ein sehr spezifisch deutsches bzw. germanistisches Phänomen zu sein, das nicht zuletzt mit der Wortbildung im Deutschen zu tun hat. Eine Linguistica del calcio würde kaum die Befürchtung aufkommen lassen, dass dadurch der Begriff Linguistica verwässert würde. Und im Deutschen könnte man auch Linguistik des Fußballs sagen, das wäre etwas zurückhaltender. Aber wie ich schon schrieb: Fußballlinguistik scheint mir im Kontext der Blogosphäre besser zu sein, nicht zuletzt aus Gründen des Corporate Wordings in Form von Social Media Handles wie @fussballinguist.

Irreführung oder Ansporn?

Zurück zu Tahir Balcıs Miszelle, in der ich ein Argument tatsächlich bedenkenswert finde. Denn „besonders für ausländische Forscher der deutschen Sprache und Literatur“ sei der Begriff Fußballlinguistik irreführend. Da kann etwas dran sein, denn die ironische Note zu erkennen ist nicht leicht. Ich bekomme tatsächlich regelmäßig Anfragen von ausländischen Studierenden, die in der Fußballlinguistik forschen wollen und den Terminus mit einer Selbstverständlichkeit verwenden, die ich selbst nie geplant hatte. Allerdings muss man auch sagen, dass die Studierenden meist mit großer Begeisterung erfüllt sind, dass sie ihr Interesse am Fußball mit ihrem Studium der Linguistik verbinden können. Und wenn ein Label wie Fußballlinguistik jungen Wissenschaftler:innen Ansporn geben kann, dann ist das doch Rechtfertigung genug, oder?

Literatur:

Kalwa, Nina (2018): Benennen – Verorten – Abgrenzen: Sprachliche Praktiken zur Konstitution neuer Ansätze als Teil der Germanistischen Linguistik. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik 68 (1), S. 139–158. DOI: 10.1515/zfal-2018-0009.

Kalwa, Nina (i.E.): Von linguistischen Kernbereichen und Teildisziplinen an und außerhalb der Grenze. Sprachwissenschaft als umkämpftes Territorium. In: Klein, Wolfgang/Staffeldt, Sven: Geschichte der Fach- und Wissenschaftssprachen. Identität, Differenz, Transfer. Berlin/Boston: De Gruyter (Lingua Academica)

Lavric, Eva (Hg.) (2008): The linguistics of football. Tübingen: Narr. (= Language in performance 38).

3 Kommentare

  1. TAHİR BALCI

    Vielen Dank für die ausführliche Replik. Ich muss zugeben, dass ich alles Neue gutheiße, weil ich selbst immer Neues versuche. Trotzdem gebe ich auch zu, dass ich nicht nur den Begriff „Fußballlinguistik“, sondern auch manche von mir selbst einst vorgeschlagenen türkischen Begriffe zurückhaltend betrachte und kritisiere. Das gehört, wie Sie – Herr Meier-Vieracker –andeuten, zur Natur der Wissenschaftler*innen, die als Ansporner*innen für den Nachwuchs dienen müssen. Damit spiele ich der Genderlinguistik zu, die ein reiches Diskussionsfeld darstellt, vor allem für Sprachen, die über ein stark entwickeltes Genussystem verfügen. Die Benutzer*innen des Türkischen sind leicht ums Herz, da sie nur inhaltlich Genderlinguistik zu betreiben brauchen. Aber ich kann mir vorstellen, wie schwer es vielen Deutschsprachigen fällt, die den Inhalt überwuchernde Form zu bekämpfen.
    Gartenlinguistik? Das hatte ich ironisch gemeint. Nun stelle ich mir aber ernst vor, dass Gartenlinguistik (oder: Agrarlinguistik) als Subdisziplin der Angewandten Linguistik etabliert werden kann. Tahir Balcı)

  2. TAHİR BALCI

    In der obigen Liste der Subdisziplinen der Angewandten Linguistik fehlt m. E. die von Frau N. Gerhardt gepraegte „Colunary Linguistichs“ (Kulinarische Linguistik), die die schriftlichen und mündlichen Texte im Bereich der Ess- und Trinkkultur analysieren soll. Auch hier besteht ein weites Feld, das von Linguist*innen zu beackern ist. Wir haben wirklich viel zu tun!

  3. Roman Beljutin

    Lieber Simon, danke fuer deine ausfuehrliche Antwort. Ich bin ein auslaendischer Forscher der deutschen Sprache, ein fussballinteressierter Sprachwissenschafler und ein sprachinteressierter Fussballfan. Die Aufregung unseres tuerkischen Kollegen kann ich nicht nachvollziehen. Auch die Gartenlinguistik waere fuer mich kein Problem und ich wuerde genauso wie du interessiert in die Publikationen mit einem solchen Titel reinschauen. Die Fussballlinguistik ist eine sehr schoene und praezise Bezeichnung fuer alle Aspekte des Fussballdiskurses, die wir aus linguistischer Perspektive betrachten und analysieren. Und es gibt im Fussball wirklich so viele Dinge, die einer sprachlichen Analyse unterzogen werden sollten, Fussball ist ein mehrdimensionales Phaenomen, und das zeigt sich auch auf sprachlicher Ebene. Lieber Kollege Balci, ich versichere Ihnen, ich bin nicht der einzige, der Ihre Ansicht nicht teilt. Es gibt sogar Frauen, die Ihnen gerne ueber die Fussballgrammatik erzaehlen koennten. Wenn Sie Herrn Meier- Vieracker vorwerfen, er haette die Fussballlinguistik erfunden, dann wuenschte ich mir, der Vorwurf betraefe auch mich , weil ich auch viel und gerne zur Fussballlinguistik forsche und eigentlich nie daran gezweifelt habe, dass es ein selbstaendige Forschungsdisziplin ist. Ich habe fertig!!!! Prof.Dr.Roman Beljutin, Smolensk, Russland

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