Monat: Januar 2019

Kontrastive Fußballidiomatik

In einem früheren Blogpost habe ich eine korpuslinguistische Methode zur automatisierten Detektion von ‚Phrasen‘ vorgestellt. Die basiert auf einer sog. Kollokationsanalyse und funktioniert kurz gesagt so, dass in einem Korpus Wortpaare gefunden werden, deren Bestandteile für sich genommen selten, dafür aber recht häufig zusammen vorkommen (und zwar im statistischen Sinne signifikant häufig). Thematisch homogene Korpora wie etwa Liveticker-Korpora sind hierfür ideal, denn wenn bspw. in Livetickern überhaupt von einer Messe die Rede ist, dann wohl immer in der Weise, dass sie (noch nicht) gelesen ist. Der Phrasendetektor findet also Wortverbindungen, deren Komponenten in ihrer wörtlichen Bedeutung thematisch nicht einschlägig sind, dafür aber in genau dieser Kombination idiomatische Bedeutung haben und als Idiome wiederum sehr domänentypisch sind.

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Radiofussballlinguistik Pt. 1

Reportagestruktur der ARD-Bundesligakonferenz

Ein Gastbeitrag von Leonard Brandbeck

Samstagnachmittags um 15.30 Uhr das Radio einzuschalten, das gehört für viele Fußballfans in Deutschland immer noch zum Pflichtprogramm. Nach wie vor lauschen mehr als acht Millionen Menschen den um diese Zeit übertragenen Partien der (Herren-)Bundesliga; kaum ein anderes Hörfunkformat kann sich mit der Popularität der ARD-Bundesligakonferenz messen: Die dramatische Sprechmelodie der Reporter*innen sowie die ikonischen Torschreie sind unverkennbar, emotionale und dramatische Reportagen wie die vom Abstiegskampf am letzten Spieltag der Saison 1998/1999 („Ich pack das nicht! Ich halt das nicht mehr aus! Ich will das nicht mehr sehen!“) haben sich in das kollektive Gedächtnis der Fangemeinde eingebrannt, und langjährige Reporter*innen wie Manfred Breuckmann, Günther Koch oder Sabine Töpperwien sind längst selbst zu Legenden geworden – die ARD-Bundesligakonferenz gilt als eine „Institution“ der deutschen Sportberichterstattung.

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F***t euren Stammbaum!

Den Shitstorm, der über Franck Ribéry nach Verzehr des vergoldeten Steaks hereingebrochen ist (im Gegensatz zu Lionel Messi übrigens, der auch eins gegessen hat), hat er mit einer bemerkenswerten „Pöbelattacke“ gekontert – so heißt es in vielen Newsportalen. Ein Totalausfall, ein Ausraster, so formuliert etwa die GQ. Voilà, hier ist der Text (und hier der Link zum Originaltweet):

Ich persönlich finde, dass die Bezeichnungen „Pöbelattacke“, „Totalausfall“ und „Ausraster“ den Text nicht wirklich gut charakterisieren. Das klingt zu sehr nach unkontrolliertem emotionalem Ausbruch, aber dafür ist der Text zu gut komponiert (mal abgesehen davon, dass man möglicherweise aus Wut heraus, aber kaum in Rage ein Sharepic erstellt und auf Twitter publiziert). Der rhetorische Terminus „Invektive“ (Schmährede) trifft da schon besser, ist der Text doch ganz offenbar geplant und auch rhetorisch durchgestaltetet. Von der ganz klassischen Invektive (vgl. hierzu Neumann, U. (1998): „Invektive“. In: G. Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 4. Tübingen: Niemeyer, 549–561) mag sich Ribérys Tweet zwar dadurch unterscheiden, dass sich die Schmähung hier nicht gegen eine konkrete Person richtet, sondern vielmehr an die diffuse Menge, die den Shitstorm kollaborativ hervorgebracht hat. Aber nicht zuletzt die sorgsam bediente „Schmähtopik“ und die wortspielerische Kreativität der Beschimpfungen ordnen den Tweet in die Tradition der Schmähreden ein.

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