Die Sprache der Geisterspiele

Im Vorfeld der ersten Geisterspiele nach dem sogenannten Re-Start der Bundesliga habe ich mich gefragt, wie die Fußballberichterstattung über diese Spiele wohl aussehen würde. Wie würden die Livekommentator*innen, die Liveticker- und Spielberichtsautor*innen das Fußballspektakel inszenieren, wenn doch ohne Fans im Stadion zunächst einmal wenig Spektakel geboten wird. Wie würde es ihnen gelingen, Emotionen zu erzeugen, wenn auch die Spieler auf dem Rasen gehalten sind, sich etwa beim Torjubel merklich zurückzuhalten?

Erwartet hatte ich eigentlich gar keinen so großen Unterschied. Fußballjournalist*innen sind schließlich Profis, so dachte ich mir, und haben eben auch im Erzeugen von Emotionen (vgl. Kirschner/Wetzels 2017; Meier 2019) so große Routine, dass sie den üblichen Stiefel schon würden durchziehen können. Um das zu prüfen, habe ich heute die Schlusskonferenz im Radio gehört, die Sportschau geguckt und dazu auch noch die Liveticker und Spielberichte von kicker.de und weltfussball.de gelesen.

Wie hören sich Geisterspielübertragungen an?

In der Radio-Schlusskonferenz konnte man wie in den Fernsehübertragungen auch eine andere Geräuschkulisse hören als sonst. Viel deutlicher waren die Rufe der einzelnen Spieler und Trainer zu hören, die in ihrer Gesamtheit dann aber doch ziemlich arg nach normalen Fußball klangen. In der Sportschau fiel auf, dass mehrfach kurze Sequenzen gezeigt wurden, in denen man die Rufe der Trainer oder auch der Schiedsrichter nicht nur hören, sondern auch auf das Wort genau verstehen konnte. Darüber war im Vorfeld ja schon spekuliert worden, und die Neugier des Publikums hat die Sportschau hier gerne bedient.

Was die Kommentare selbst anbelangt, hat sich meine Vermutung aber insgesamt bestätigt. An der für Livekommentare so charakteristischen Prosodie (vgl. Kern 2010) war eigentlich kein Unterschied zu hören. Vielleicht war es hier und da ein bisschen gedämpfter, vielleicht weil es insgesamt auch auf den Pressetribünen leiser war, aber von der Qualität her war es das emotionale ‚business as usual‘. Inhaltlich wurden zwar schon einige Besonderheiten der Geisterspiele thematisiert, die erweiterten Wechseloptionen etwa oder die Auflagen für kontaktlose Torjubel. Und beim Kommentar zum Revierderby hieß es etwa „wenn jetzt die 80.000 hier wären“, um so den Makel des Geisterspiels doch mal kurz anzudeuten. Die meiste Zeit über haben die Kommentator*innen jedoch das Geschehen auf dem Platz auf ganz normale Weise geschildert und gerahmt.

Auffällig unauffällige Liveticker

Nochmals deutlicher ist der Wille zur Normalität bei den schriftlichen Gattungen. Der Verlockung, etwa die Phrase „vor leeren Rängen“ oder alle möglichen Komposita mit Geister- immer und immer wieder zu bemühen, haben die Autor*innen erfolgreich widerstanden. Abgesehen von einem einleitenden „nach der Corona-Unterbrechung“ und einigen ganz wenigen Bezugnahmen auf die leeren Stadien sind die Texte auf eine so auffällige Weise unauffällig und lesen sich über weite Strecken wie Spielberichte und Liveticker seit eh und je, dass ich dahinter eine klare redaktionelle Anweisung vermute. Augenzwinkernde Einlassungen wie „Die Torhymne der Augsburgert schallt durch das leere Stadion“ sind die absolute Ausnahme, es überwiegen ganz eindeutig die üblichen Schablonen wie „Dieser hat das Auge für Zimmermann – doch der Rechtsverteidiger zögert zu lange.“

Fazit

Jetzt da der Ball wieder rollt, hat auch der gewöhnliche Fußballjournalismus erstaunlich schnell wieder in die Spur gefunden. Die Menschen, die ihn produzieren, beherrschen eben ihr Handwerk. Es ist, als hätten sie im Lockdown einfach auf Pause gedrückt, und jetzt läuft das Band wieder. Mal schauen, ob alles gut geht, und mal schauen, was passiert, wenn doch mal ein Test positiv ausfällt.

Literatur

Kern, Friederike (2010): Speaking dramatically: The prosody of live radio commentary of football matches. In: Barth-Weingarten, Dagmar/Reber, Elisabeth/Selting, Margret (Hg.): Prosody in interaction. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company. S. 217–238. (= Studies in Discourse and Grammar 23).

Kirschner, Heiko/Wetzels, Michael (2017): „We sell emotions“. Die kommunikative Konstruktion von Sportübertragungen am Beispiel Fußball und eSport. In: Reichertz, Jo/Tuma, René (Hg.): Der kommunikative Konstruktivismus bei der Arbeit. Weinheim, Basel: Beltz Juventa. S. 256–290.

Meier, Simon (2019): mitfiebern – Mediatisierte emotionale Kommunikationspraktiken in Fußball-Livetickern und Livetweets. In: Hauser, Stefan/Luginbühl, Martin/Tienken, Susanne (Hg.): Mediale Emotionskulturen. Bern: Lang. S. 155–178.

1 Kommentar

  1. Roman Beljutin

    Lieber Simon, danke fuer diesen Beitrag und die neuen Anregungen zur Erforschung der Fussballsprache. Bei Elf Freunde las sich der Liveticker zur Mutter aller Derbys so, als ob es ein ganz normales Spiel gewesen waere. Es gab ein paar frische Metaphern und eine Menge ironische Vergleiche.

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