Let’s talk about sex (and gender)

Erfahrungen einer weiblichen Forscherin im Männerfußball

Ein Gastbeitrag von Solvejg Wolfers-Pommerenke

„Endlich mal wieder was für’s Auge hier“, begrüßte mich ein Trainer bei unserer ersten Begegnung auf dem Flur des Nachwuchsleistungszentrums, in dem ich seit wenigen Tagen forschte. Was sagt man in so einer Situation?

Gerade weibliche Forscherinnen müssen sich in maskulin dominierten Forschungsfeldern wie dem Männerfußball immer wieder mit Situationen dieser Art auseinandersetzen – und einen Umgang damit finden. Die meisten Texte lehren uns, dass das Pflegen guter Beziehungen im Feld essentieller Bestandteil ethnografischer Forschung ist. Doch das fällt nicht immer leicht.

Seit 2016 betreibe ich linguistische Forschung im Männerfußball. Darin geht es vor allem um die Aushandlung von Teamzusammenhalt in und durch Kommunikation. Das Thema Sexismus und wie dieser sich auf meine Forschung auswirkt, hatte dabei nie zu meinem erklärten Fokus gehört. Irgendwann drängte es sich von ganz allein auf. Meine ethnografischen Erfahrungen als Frau im Feld haben meine Forschung in solch einem Maße geprägt, dass eine kritische Reflektion der Einflüsse von Gender und Sexualität Teil meiner Arbeit wurde.

Bereits in meiner ersten ethnografischen Studie einer männlichen A-Jugendmannschaft (Wolfers, File, & Schnurr, 2017) wurde ich das ein oder andere Mal mit Äußerungen konfrontiert, bei denen ich mich unwohl fühlte. Als ich mit einem Spieler zu einem Interview den Platz verließ, rief man uns hinterher, wir mögen uns benehmen. Als es um eine Mannschaftsfeier ging, zu der ich mit eingeladen werden sollte, hieß es, ein Spieler hätte bereits einen „Eimer Kondome“ bereitgestellt.

So ein Verhalten ist allerdings kein rein pubertäres bzw. spätpubertäres Phänomen. Es ist auch nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme, das möchte ich deutlich betonen. Allerdings zieht es sich durch alle Altersklassen. Auch während der Feldforschung mit der 2. Mannschaft eines Profi-Vereins für meine Doktorarbeit gab es mitunter vergleichbare Sprüche.

Wie sollen Forscher*innen mit Sexismus umgehen?

Wie verhalte ich mich, wenn ich während der Forschungstätigkeit sexistisch behandelt werde? Ignorieren oder dagegen angehen? Ich fühlte mich in meinen Forschungsprojekten oft hin- und hergerissen – im Zwiespalt, gleichzeitig gute Beziehungen aufrechterhalten und auf das problematische Verhalten reagieren zu wollen. Trage ich nicht indirekt dazu bei, sexistische Äußerungen zu verharmlosen, indem ich sie nicht thematisiere? Darf ich als Forscherin überhaupt meinen Unmut äußern? Und welche Folgen hat es, wenn ich es tue?

Diese Fragen stelle nicht nur ich mir. Viele Forscher*innen vor mir haben männliche Forschungskontexte wie den Männerfußball bereits als geprägt von Vorstellungen hegemonialer Maskulinität und Heteronormativität beschrieben (u.a. Burgess, Edwards, & Skinner, 2003, Connell & Messerschmidt, 2005). Wie mit den Auswirkungen umgegangen werden kann und was dies für die Projekte bedeutet, wurde jedoch selten thematisiert.

Besonders in einem Forschungsfeld, das von „gendered discourse“ geprägt ist, sollten qualitative Forscher*innen Gender und Sexualität stärker reflektieren und thematisieren. Sie spielen potentiell immer eine Rolle – genau wie weitere intersektionale Faktoren wie Ethnizität, soziale Herkunft, Alter, uvm.

Auch die wissenschaftliche Community rund um den Fußball ist männlich und maskulin dominiert. Ich erwarte mir daher vor allem von meinen männlichen Kollegen, die Aspekte Gender und Sexualität in ihrer Forschung ebenfalls kritisch zu diskutieren und nicht als Norm zu betrachten.

Sexismus in der Fußballforschung

Ich habe meine Forschung bereits auf mehreren internationalen Konferenzen und Panels vorgestellt, habe über rassistischen Humor, Teamzusammenhalt oder eben Sexismus gesprochen. Hier sind die Sexismen teils anders verpackt als auf dem Fußballplatz, jedoch nicht weniger schädlich. Mal wurde mir gesagt, es sei für mich als Frau doch unmöglich, „die Realität von Männern“ zu erforschen, mal wurde Unverständnis geäußert, dass ich als weibliche Forscherin meine Ethnografien nicht bei einem Frauenteam durchgeführt habe.

Mittlerweile weiß ich mit solchen Situationen souverän, sachlich und auch schlagfertig umzugehen. Als Forscherin ist es nicht meine Aufgabe, den Ton in einer Umkleidekabine zu verändern. Es ist mir jedoch wichtig, das Thema stärker in den reflexiven Diskurs einzubringen und so zu aktuellen Diskussionen beizutragen. Die Einflussfaktoren Gender und Sexualität sind potentiell in jeder ethnografischen Forschung im Fußball relevant und gehören daher auf die Agenda. Und wenn wir in den fußballlinguistischen Diskurs treten, dann bitte frei von Sexismus.

Für eine wissenschaftliche Diskussion der Thematik möchte ich die Leser*innen auf einen bald erscheinenden Artikel von mir hinweisen: Wolfers, S. (forthcoming). Critical reflections on the role of gender and sexual identity when collecting ethnographic data in a highly gendered environment.

Literatur

Burgess, I., Edwards, A., & Skinner, J. (2003). Football culture in an Australian school setting: The construction of masculine identity. Sport, Education and Society, 8(2), 199–212. https://doi.org/10.1080/13573320309250

Connell, R. W. & Messerschmidt, J. W. (2005). Hegemonic masculinity: rethinking the concept. Gender & Society, 19(6), 829–59. https://doi.org/10.1177/0891243205278639

Wolfers, S., File, K., Schnurr, S. (2017): “Just because he’s black”: Identity construction and racial humour in a German U-19 football team. Journal of Pragmatics, 112, 83–96. https://doi.org/10.1016/j.pragma.2017.02.003

Wolfers, S. (2021). Self-directed racialized humor as in-group marker among migrant players in a professional football team: “Dude, just draw the racist card!”. In P. Brunssen & S. Schüler-Springorum (Eds.), Football and discrimination: Antisemitism and beyond (pp. 97-110). Routledge.

Dr. Solvejg Wolfers-Pommerenke ist Sprachwissenschaftlerin an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie forscht zu Teamzusammenhalt, Gender, Diskriminierung und Identität.

4 Kommentare

  1. Wolfgang Ehle

    Über das Thema „linguistische Forschung im Männerfußball“ hätte ich gern mehr gelesen, als nur einen Nebensatz.

  2. Simon

    Die erste Situation ist ein einfaches Kompliment. Darauf sagt man z.B. „danke“, wenn man es annimmt oder auch einfach nichts, wenn es einem egal ist.
    Ich glaube niemand würde leugnen, dass im Fußball einige Manieren fehlen, aber wir müssen sehr vorsichtig sein, nicht aus jedem Spruch gleich Sexismus (oder an anderer Stelle auch Rassismus und ähnliches) zu machen.

    • Solvejg Wolfers-Pommerenke

      Die Frage, wo Komplimente aufhören und Sexismus beginnt, ist durchaus berechtigt. Die Grenze ist zum einen individuell unterschiedlich. Zum anderen, gibt es unterschiedliche Formen des Sexismus. Der ist nicht immer offen belästigend, sondern auch oft subtil (und ggf. sogar unbewusst). Wenn ich mich als Forscherin nicht in meiner Rolle respektiert, sondern bereits bei der ersten Begegnung verbal objektifiziert sehe, werde ich mich dafür nicht bedanken. Ich kann es in der Situation ignorieren, im Nachgang jedoch als sexistisch einordnen und kritisch diskutieren. Ich meine, wir müssen eher vorsichtig sein, nicht jeden Spruch und jedes Verhalten zu verharmlosen und vor allem denen gut zuhören, die jeweils betroffen sind.

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