Vor einigen Tagen sickerte die Nachricht durch, dass die SPD ihren Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 von einer Agentur gestalten lassen möchte, die eigentlich auf Sport-Marketing spezialisiert ist. Die Nachricht hat viele, darunter auch Kevin Kühnert, zu einem Brainstorming zu politiktauglichen Sportmetaphern veranlasst.

Dass politische Sprache auf Bilder und Vergleiche aus dem Bereich des Sports und hier vor allem des Fußballs zurückgreift, ist natürlich weder neu noch besonders kreativ, aber mit Blick auf die Alltagstauglichkeit und Anschlussfähigkeit sicher auch nicht die schlechteste Idee. Politischer Wettbewerb, ob im Buhlen um die Wähler*innengunst oder in den persuasiven Anstrengungen der politischen Rede, lässt sich so ganz im Zeichen des Spielerischen inszenieren. In Zeiten des sogenannten Politainment ist es ausgesprochen naheliegend, dass sich Politiker*innen ausgedehnter Fußballmetaphorik bedienen. Und nicht nur das: Längst ist es auch unter hochrangigen Politiker*innen wie etwa dem jüngst verstorbenen Thomas Oppermann schick geworden, sich als Fußballfans zu präsentieren.

Sportmetaphern in der politischen Rede: Einige Befunde

Inzwischen liegen verschiedene Korpora von inner- und außerparlamentarischen Reden vor, anhand deren die Verwendung von Fußballmetaphern recht gut untersucht werden kann. Dass etwa in parlamentarischen Reden die sprichwörtliche rote Karte gerne gezeigt oder wenigstens angedroht wird (nach meinen Recherchen war wenigstens im Bundestag erstmals am 04.09.1985 der Fall), lässt sich hier leicht zeigen. Beliebt ist hier auch die (Selbst-)Aufforderung, den Ball flach zu halten, was sich häufig, wie viele andere Metaphern auch, metakommunikativ auf die politische Rede selbst bezieht. Denn gerade der Austausch von Argumenten wird, so scheint es, analog zum Ballspiel konzeptualisiert.

Nachvollziehen lässt sich das etwa mit einer Kookkurrenzanalyse des Lexems Ball in Plenarprotokoll-Korpus des DeReKo. Den Ball zurückspielen heißt es hier häufig, um diskursive Verantwortlichkeiten zurückzugeben oder auch um Kritik zurückzugeben. Den Ball aufnehmen hingegen wird verwendet, um in einer Art von Diskurskohärenz von anderen eingebrachte Themen fortzusetzen, und umgekehrt werden Kooperationsangebote aller Art gerne als den Ball zuspielen beschrieben. Schließlich ist auch am Ball bleiben eine beliebte Metapher, um Beharrlichkeit zu beschreiben und vor allem zu fordern.

Der Ball liegt im Feld des Gegners

Die liebste Metapher, und das scheint auch Kevin Kühnert schon verinnerlicht zu haben, ist den Politiker*innen aber tatsächlich die Rede vom Ball, der irgendwo liegt und nun auf irgendeine Aktion zu warten scheint – auf dem Elfmeterpunkt etwa, in der eigenen oder der gegnerischen Hälfte. Der Ball steht metaphorisch für politische Gestaltungsmöglichkeiten (mit Betonung auf Möglichkeiten), die aber noch irgendeine Art von Entschluss und Aktivität erfordern, um Wirklichkeit zu werden. Und besonders häufig liegt der Ball tatsächlich bei den anderen, in deren Verantwortung es nun also liegt, dass das ‚Spiel‘ überhaupt weitergehen kann. Einen schönen Beleg dafür habe ich in den Bundestagsprotokollen der 19. Legislaturperiode gefunden, die ich jüngst als Korpus aufbereitet habe. Zum Thema der Brexit-Verhandlungen heißt es etwa:

Es geht jetzt darum, mit unseren Freunden in Großbritannien zu klären, wie es weitergeht. Der Ball liegt in ihrem Spielfeld. Die Briten müssen uns jetzt endlich mal sagen , was sie wollen.

Markus TÖNS (SPD), 17. Januar 2019

‚Wir würden ja weiterspielen‘, so könnte man die Implikatur explizieren, ‚aber die anderen müssen erst einmal aktiv werden‘. Eine schiefe Metapher freilich, denn man könnte ja auch versuchen, sich den Ball aktiv zurückzuerobern… Sei es drum, knapp die Hälfte aller insgesamt 75 Verwendungen von Ball in der aktuellen Legislaturperiode fällt auf diese Redewendung.

Die Ökonomisierung der Fußballmetaphorik

Interessant sind schließlich auch die expliziten Fußballmetaphern und -vergleiche. Denn was hier auffällt, ist, dass der Fußball als Folie ausgerechnet für ökonomische Belange dient. „Nur wenn wir als Europäer zusammenstehen , nur wenn wir unsere wirtschaftlichen Kräfte bündeln , können wir im globalen Wettbewerb bestehen. Letztlich ist es wie beim Fußball: Die stärkste Mannschaft gewinnt das Turnier, nicht der beste Spieler“, sagt etwa Uwe Feiler (CDU). Oliver Luksic (FDP) meint mit Bezug auf den Dieselgipfel: „Die ausländischen Hersteller sind erst gar nicht gekommen. Die deutschen schicken quasi die B-Mannschaft – so würde man das im Fußball sagen – hin.“ Dem wirtschaftsorientierten Reigen der Fußballvergleiche schließt sich auch Alexander Hoffmann von der CSU an: „Auch im Fußball bekomme ich nur die besten Stürmer, wenn ich sie am Schluss auch angemessen und konkurrenzfähig bezahle.“

Mit Fußballromantik hat das wenig zu tun. Durchaus erstaunlich, dass die Kommerzialisierung und Ökonomisierung des Fußballs auch die Fußballmetaphorik erobert. Man darf jedenfalls gespannt sein, ob es der SPD gelingen wird, sich ausgerechnet mit Sportmetaphern an ihre sozialdemokratische Kernbotschaft zu erinnern.