Diskussionskultur und Polarisierung in der Berichterstattung

Ein Gastbeitrag von Justin Kraft

„Pro Hansi Flick, Brazzo raus“ – so heißt eine Petition, die gerade medial große Beachtung findet. Weit über 30.000 Menschen hatten sie am vergangenen Dienstag gegen 16 Uhr bereits unterschrieben, heute (28. April 2021) sind es schon über 70.000. Die Petition selbst, sie ist meiner Meinung nach nur das Resultat einer Entwicklung, die mich besorgt.

Nicht nur, aber vor allem im Internet fällt es vielen Menschen schwer, mit der Komplexität von Themen und mit der Diversität von Meinungen umzugehen – oder anders: Ambivalente Meinungen haben es schwer. Die Fähigkeit, widersprüchliche oder von der eigenen abweichende Meinungen auszuhalten, ohne darüber aggressiv oder ausfallend zu werden, wird in den Kognitionswissenschaften als „Ambiguitätstoleranz“ bezeichnet. Diese Ambiguitätstoleranz scheint heutzutage vielerorts nur schwach ausgeprägt zu sein. Der Konflikt rund um Hasan Salihamidzic und Hansi Flick ist eines von vielen Beispielen, die das mal wieder vor Augen führen. Vorweg sei gesagt, dass es mir in diesem Artikel nicht um eine inhaltliche Positionierung geht, sondern vielmehr um eine Kritik an der Art und Weise, wie das Thema im sich gegenseitig aufschaukelnden Zweiklang von Medien und Öffentlichkeit vielerorts behandelt wird. Ursachen dafür sind nur schwer auszumachen. Schnell landet man bei einer Debatte darüber, was nun zuerst da war: Die Henne, oder das Ei? Also die Medien als Vorbilder oder das Publikum, das Teile der Medien „nur“ bedienen.

Sicher ist aber, dass die Berichterstattung in einigen Teilen der Medienlandschaft keine Entwicklung hin zu mehr Zwischentönen fördert, sondern das Schwarz-Weiß-Denken eher noch anheizt. Im Kicker hat Chefreporter Karlheinz Wild einen längeren Text inklusive eines kleinen Meinungsstücks zum Thema veröffentlicht, in dem er kritisch auf alle beteiligten Parteien blickt. Sachlich und fair.

Für derart ambivalente Meinungen sind viele Beobachter:innen aber nicht (mehr?) empfänglich. Meinungsmachend und -führend sind andere – zumindest bei diesem Thema. Der Springer-Verlag beispielsweise. Mit oftmals einseitigen Anschuldigen und Geschichten, die aufgemacht sind, als würden sie aus einem Kriminalroman stammen, haben sie noch vor der großen öffentlichen Eskalation dazu beigetragen, dass sich die öffentliche Meinung auf zwei einander unversöhnlich gegenüberstehende Kontrahenten fokussiert. Flick gegen Salihamidzic. High Noon. Alle weiteren Parteien, Oliver Kahn, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, die Spieler, der weitere Aufsichtsrat werden, wenn überhaupt, meist nur am Rande erwähnt. Es findet eine einfache Polarisierung statt, für Ambivalenz und Abwägung ist kein Platz.

Erst Trennung, dann Rollenspiel

Dem Thema wird die Komplexität genommen, indem eine klare Trennung erfolgt: A und Nicht-A. Im konkreten Beispiel sind das Hansi Flick und Hasan Salihamidzic. Den Leser:innen wird durch die Aufmachung der Geschichten vermittelt, dass der Sportvorstand die Macht habe, allein über Sachverhalte zu entscheiden.

Ein typisches Beispiel: „Dem Trainer war Chelsea-Profi Callum Hudson-Odoi in Aussicht gestellt worden, stattdessen holt Salihamidzic überraschend Douglas Costa von Juventus Turin zurück nach München.“ (https://sportbild.bild.de/bundesliga/vereine/bayern-muenchen/bayern-trainer-geht-im-sommer-flick-vs-brazzo-hier-krachte-es-zum-ersten-mal-76099566.sport.html) Die Forderungen des Trainers bilden das eine Extrem und dem gegenüber steht der vermeintliche Alleingang des Sportvorstands. Das Thema wird auf zwei Personen reduziert, während wichtige Aspekte außen vor gelassen werden: Wie wurde hier tatsächlich im Klub kommuniziert? Wer war noch daran beteiligt? Kann Salihamidzic überhaupt einen solchen Alleingang bewältigen? Wie teuer wäre das Gesamtpaket bei Callum Hudson-Odoi gewesen? Hat man mit Flick darüber gesprochen? Hat Flick Verständnis für die finanzielle Situation? Welche Alternativen hatte Salihamidzic noch? All das sind nur ein paar von vielen Fragen, die im Artikel und auch sonst nahezu komplett unbeantwortet bleiben. Stattdessen wird eben stark verkürzt. Das ist einfacher und pointierter. Vor allem aber macht es den Leser:innen eine Parteinahme einfacher, weil sie nur zwischen zwei Positionen wählen müssen, ohne zu differenzieren.

Um die Parteinahme noch weiter zu vereinfachen, werden Rollen zugeschrieben: Flick als derjenige, der unter den Entscheidungen des Gegenübers zu leiden hat. Plötzlich entsteht also einerseits die Rolle des Täters (Sportvorstand) und andererseits die Rolle des Opfers (Trainer). Immer wieder werden die Gegensätze bewusst betont. „Timo Werner, Wunschspieler von Flick, wechselt zum FC Chelsea. (…) Leroy Sané, Wunschspieler von Salihamidzic, wechselt zum FC Bayern.“ Oder auch: „Flick ist genervt, Salihamidzic lässt ihn zu wenig an seinen Gedanken für die Kaderplanung teilhaben.“

Es geht nicht primär um den Inhalt, sondern um das „Wie“

Inhaltlich kann das alles der Wahrheit entsprechen. Das ist auch nicht der Punkt. Es ist aber so, dass nahezu immer eine Seitenwahl auf der Ebene der Personen stattfindet, statt eine Entscheidung inhaltlich auf der Sachebene zu beleuchten. Somit wird einer Auseinandersetzung über mögliche Gründe für oder rationale Erklärungen gegen eine Entscheidung gar nicht erst ermöglicht. Stattdessen erfolgt fast immer eine Parteinahme, und zwar interessanterweise fast immer auf der Seite von Flick. „Flick ist genervt von Salihamidzic, der hektisch agiert“, „Flick ist sauer“, „die nächste Breitseite gegen die Transferpoltik von Salihamidzic“ – es gibt unzählige Beispiele, in denen diese Einnahme der Flick-Perspektive deutlich wird. Demgegenüber stehen nur sehr wenige, in denen jene von Salihamidzic beleuchtet wird.

Welche Motive dahinterstehen könnten, sich derart klar zu positionieren, ist spekulativ. Es wirkt bei der Vielzahl an Reibungspunkten innerhalb des Klubs aber unwahrscheinlich, dass für alle Vorfälle im Verein nur eine Person verantwortlich sein kann. Der Springer-Verlag ist mit dieser Methodik auch nicht allein, wenngleich dieses Vorgehen dort schon seit Jahrzehnten Methode hat. Auch andere große (Boulevard-)Medien haben sich aber daran beteiligt. Sicherlich spielt eine Rolle, dass Salihamidzic unter den beiden Protagonisten derjenige ist, der in der Öffentlichkeit am ehesten für die Täterrolle taugt. Sein Standing ist insbesondere in den sozialen Netzwerken ohnehin nicht sonderlich gut. Dafür hätte es diesen Konflikt nicht mal gebraucht. Flick hingegen ist wahrscheinlich der kommende Nationaltrainer, hat sich in den letzten Monaten mit seinen Erfolgen hohes Ansehen und eine starke Position erarbeitet.

Es geht auch gar nicht darum, Partei zu ergreifen. Wer jetzt am Ende mehr für den FC Bayern geleistet hat und wer mehr zum Konflikt beigetragen hat, ist für diesen Text unerheblich. Mir geht es einzig und allein darum, wie darüber geschrieben und gesprochen wird.

Diskreditierung durch Festschreibung

Es ist fast schon ein menschliches Bedürfnis, dass man sich in einem Konflikt positionieren möchte. Natürlich ist es einfacher, das zu tun, wenn derart komplexe Entscheidungen, die an so vielen kleinteiligen Aspekten hängen, auf zwei Personen reduziert werden und die Rollen auf den ersten Blick recht klar erscheinen.

Das Resultat einer solchen Vereinfachung erleben wir aber tagtäglich in Diskussionen im Internet – nicht nur auf dieses Thema bezogen. Viele Menschen übernehmen dieses einfache Bild des komplexen Themas und sehen sich in ihrem (Vor)-Urteil bestätigt. Davon gibt es dann aber oft keinen Weg zurück mehr. Statt offen zu sein für andere Deutungen oder Meinungen, wird sich festgefahren und im Extremfall sogar beleidigt. Das liegt auch daran, dass selbst differenzierende Beiträge als Positionierung gewertet werden.

Allzu oft wird offenbar gar nicht mehr getrennt zwischen Zustimmung in der Sache und Parteiergreifung für ein bestimmtes Lager, für die eine Einzelperson angeblich steht. Äußert sich jemand positiv über Salihamidzic, wird dieser Person oft unterstellt, sie würde eigentlich nur die andere Seite in ein schlechtes Licht rücken wollen: Ambivalenz wird also wieder reduziert, stattdessen wird in zwei Pole geteilt. Das macht es schließlich auch einfacher, ihm oder ihr ein gewisses Maß an Objektivität abzusprechen und die Meinung zu entkräften. Es geht nicht um die Sache, sondern um die Schwächung der Personen dahinter.

Meinungsstärke ist durchaus wichtig, aber Offenheit auch

Ein nicht unwesentlicher Aspekt ist hierbei auch der Faktor „Meinungsstärke“. Rund um die Generation Lahmsteiger wurde häufig darüber diskutiert, ob dem Fußball die „Typen“ ausgehen würden. Von einer „weichgespülten Generation“ war nicht selten die Rede. Vorwürfe, die eines deutlich machten: Abwägen, differenzieren und womöglich auch mal hinnehmen, nicht im Recht zu sein – all das sind Eigenschaften, die jemanden „weich“ machen. In der medialen Berichterstattung, so meine Erfahrung, geht es vielen darum, „klare Kante“ zu bekommen und keine abwägende, differenzierende Haltung.

Meinungsstärke und vor allem Eindeutigkeit wird von vielen wertgeschätzt, weil sie den Eindruck erweckt, dass das Gesagte authentisch ist. Und nicht falsch verstehen: Ich finde Meinungsstärke in vielen Themen wichtig. Rassismus, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit, anderweitige Menschenfeindlichkeit – all das sind Beispiele, bei denen ich Meinungsstärke und klare Position erwarte.

Wenn es aber um streitbare Themen geht, wird Meinungsstärke oft zum Problem. Es geht dann schnell nicht mehr um die Sache, sondern um die eigene Deutungshoheit. Dafür wird zu allerlei Mitteln gegriffen. Häufig werden beispielsweise nicht nur andere Meinungen, sondern auch die Menschen dahinter diskreditiert und angegriffen. Wenn Kicker-Chefreporter Wild im konkreten Beispiel schreibt: „Die Verantwortung für diese überflüssige Eskalation tragen alle Protagonisten“, oder: „Flick (…) stellte öffentlich verantwortungsbewusste Personalentscheidungen (Alaba, Boateng) infrage“, oder: „ein Alleingang Flicks entgegen der vorherigen Vereinbarung“, dann wird ihm eine Agenda unterstellt. Obwohl er im gleichen Text beispielsweise die Transferpolitik kritisiert und ähnliche Punkte aufgreift wie der Springer-Verlag – nur eben aus mehr Perspektiven und differenzierter betrachtet. Nur fällt es vielen schwer, dieses komplexere Bild anzunehmen. Weil es gegen die womöglich bereits festgesetzte Meinung spricht und weil es einfacher ist, sich eindeutig festlegen zu können.

Wie sieht der Weg zu einem besseren Miteinander aus?

Das spiegelt sich auch in der allgemeinen Diskussionskultur wider. Eine Tendenz ist, dass Meinungsverschiedenheitenim Internet schnell von der Sachebene auf die Beziehungsebene abdriften. Nicht in der Sache wird dann diskutiert, sondern es wird darum gekämpft, wer letztendlich die Deutungshoheit behält. Statt verschiedene Meinungen stehen zu lassen, soll sich die Meinung durchsetzen, die lauter und schriller verkündet wird. Das führt dazu, dass Äußerungen schnell den Fokus auf inhaltliche Argumentation verlieren und es nur darum geht, wer lauter und meinungsstärker, also auch mit kräftigerem Vokabular formuliert.

Ich selbst nehme mich da nicht aus. Oft genug habe ich mich in Debatten im Internet wiedergefunden, in denen ich plötzlich nicht mehr über die Sache diskutiert habe. Das wird auch in Zukunft nicht ausbleiben. Wichtig sind mir aber immer drei Aspekte: Erstens die Selbstreflexion und die ständige Frage danach, ob ich anders hätte reagieren können oder gar müssen. Zweitens der Respekt für andere Meinungen, wenn sie nicht darauf aus sind, mich als Person dahinter zu diskreditieren. Und drittens darauf zu achten, nicht jede von meiner abweichende Meinung als persönlichen Angriff zu werten. Zugegebenermaßen gelingt mir das nicht immer, aber es ist Teil meines Lernprozesses im Umgang mit meiner wachsenden Öffentlichkeit.

Fußball ist zudem ein sehr emotionales Thema und er ist immer mehr zum Entertainment geworden. Es ist für viele wenig unterhaltend, sich mit komplexen Sachverhalten im Detail auseinanderzusetzen. Leider bleibt das aber nicht aus, wenn man sich nicht den eigenen Vorurteilen hingeben möchte.

Was nun zuerst da war, die Henne oder das Ei, das weiß ich nicht. Aber irgendwo und irgendwie müssen Strategien her, wie wir wieder zu einem Mehr an Miteinander finden. Teil davon muss es sein, dass der unterkomplexen Betrachtungsweise einiger Meinungsführer:innen sowie denen, die ihnen folgen, nicht mehr Reichweite gegeben wird als nötig. Es liegt auch an uns, die Perspektiven, die uns vorgegeben werden, zu hinterfragen und der eigenen Empörung als erstem Impuls zu widerstehen. Nicht nur in diesem Thema, sondern immer und überall.

Eine Petition, die auf der einen Seite den unantastbaren Erfolgscoach und andererseits den nutzlosen Sportvorstand sieht, ist nur das Kind, das Medien wie der Springer-Verlag mit ihrer Art der Berichterstattung geboren haben. Dass viele diesem Narrativ ohne Einschränkungen folgen, ist für mich der Beleg einer Entwicklung, die mir Sorgen macht. Denn hier sprechen wir nur über Fußball, aber dieses Muster sehen wir auch in vielen anderen Bereichen, die so viel wichtiger sind. Mit unserem Sprachgebrauch und einem respektvollen Miteinander steht und fällt so viel. Deshalb ist es unabdingbar, häufiger darüber zu reflektieren.

Justin Kraft, Blogger und Autor u. a. für miasanrot, beschäftigt sich vor allem mit dem sportlichen und außersportlichen Geschehen rund um den FC Bayern und studiert außerdem Germanistik und Geschichte auf Lehramt an der Uni Potsdam.

3 Kommentare

  1. Dietrich Schulze-Marmeling

    Sehr guter Text. Zumal kaum jemand fragt, ob Flick die Eskalation und Entfremdung nicht ganz bewusst betrieb – weil er zum DFB wollte.

    • Justin Kraft

      Vielen Dank, Dietrich!

      Und stimmt natürlich! Ich fand auch interessant, wie Nübels Berater Partei ergriff und einigen Journalisten vorwarf, sie würden mit Blick auf den kommenden Nationaltrainer für ihre eigene Zukunft Partei ergreifen. Harter Vorwurf und auch hier muss man im Hinterkopf haben, welche Interessen er vertritt, aber durchaus interessant.

  2. Simak Perrce

    Pauschal und wie weiland 68 vom “Springerverlag” zu sprechen und gleichzeitig mehr Differenzierung einzufordern, erfordert ein gewisses Maß an Ambiguitätstoleranz.

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