Autor: Simon Meier (Seite 2 von 2)

Der perfekte Verteidiger

Nachdem ich im letzten Post die Eigenschaften des perfekten Torwarts umrissen habe, arbeite ich mich nun auf dem Feld ein paar Meter nach vorne und widme mich nun den Verteidigern. Abermals gehe ich so vor, dass ich die Elf-des-Spieltages-Texte von 95 Spieltagen von sportschau.de und goal.com nach Positionen sortiere und die insgesamt 309 Verteidiger-Texte statistischen Keyword-Analysen unterziehe. Ich vergleiche also die Worthäufigkeiten in den Verteidigertexten mit denen des gesamten Korpus und lasse mir alle Wörter anzeigen, die in Verteidigertexten signifikant häufiger und deshalb typisch sind.

Da es sich durchgängig um Lobeshymnen auf besonders vorbildliche Verteidigerleistungen handelt, kann man von den errechneten Keywords auf die Erwartungen schließen, die Journalisten derzeit an das Verteidigerspiel herantragen (interessant wären jetzt natürlich diachrone Analysen, aber da fehlen mir die Daten). Und ich als Analysierender kann die Keywords als Gerüst für eine typische Verteidigerlaudatio verwenden. Um in der Elf des Tages zu landen, müssen Verteidiger einfach nur das hier tun (alle signifikanten Keywords sind fett markiert, das statistische Maß war Log Likelihood Ratio, p < 0,05):

souverän sein | möglichst viele Prozent der Zweikämpfe gewinnen und eine super Passquote haben hinten alles abräumen und nichts anbrennen lassen | gutes Stellungsspiel beweisen | ein Turm in der Schlacht sein | seine Abwehrseite im Griff haben | den Gegner abmelden und nicht zur Entfaltung kommen lassen | für solides Aufbauspiel sorgen | sich vorne in die Offensive einschalten

Wenig überraschendes ist darunter, aber das haben typische Texte so an sich. Interessant ist aber doch, dass ein sehr guter Verteidiger sich von einem guten eben durch die Offensivaktionen unterscheidet. Und für offensive Spielzüge von Spielern, deren eigentliches Geschäft die Defensive ist, gibt es das vielsagende Wort einschalten.

Grammatisch aufschlussreich ist die Signifikanz von lassen, das fast nur negiert auftritt und in der Negation zwischen permittierender (die Entfaltung nicht zulassen) und kausativer (veranlassen, dass die Entfaltung nicht stattfindet) Lesart schwankt (vgl. IDS-Grammatik S. 1413). In jedem Fall sind nicht-lassen-Konstruktionen besonders dazu geeignet, das Abwartende, Reagierende im Abwehrspiel zu bezeichnen.

Der fleischgewordene perfekte Verteidiger in meinem Korpus mit stolzen 17 Nominierungen ist übrigens – Mats Hummels.

Der perfekte Torwart

Eine schöne Textsorte der Fußballberichterstattung ist die Elf des Spieltages. Nach jedem Spieltag wird z.B. von von sportschau.de  oder von goal.com ein Allstar-Team gekürt und jeder Spieler in einer kurzen Laudatio gerühmt. Praktischerweise sind diese Lobeshymnen nach Positionen sortiert und entsprechend gekennzeichnet, so dass diese Positionen in korpuslinguistischen Analysen als Metadaten in Form von xml-Attributen dienen können.

Seit ein paar Monaten sammle ich also Elf des Spieltages-Texte aus diesen beiden Quellen – 1056 Lobeshymnen aus 95 Spieltagen, insgesamt 48.000 Tokens. Mit statistischen Keyword-Analysen kann ich jetzt ausrechnen, welche Wörter etwa für Torwart-Texte typisch sind. Und da in diesen Texten erläutert wird, warum gerade dieser oder jene Spieler so herausragendes geleistet hat, dass er in die Elf des Spieltags aufgenommen wird, kann man aus diesen Wörtern Rückschlüsse auf die Erwartungen ziehen, die Journalisten typischerweise an das Spiel auf den jeweiligen Positionen herantragen. Eine halbautomatisierte Erwartungshaltungsanalyse also.

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Kleine Rollenkunde Teil 2 – Die Taktikfuchs-Variante

[Vorbemerkung vom 12.12.2016: Gegenüber der Erstveröffentlichung des Artikels, auf die sich Tobias Escher in seiner Kolumne bezieht, hat sich die Datenbasis inzwischen ungefähr versechsfacht.]

Kürzlich habe ich hier eine kleine Rollenkunde des modernen Fußballs veröffentlicht, für die ich automatisiert aus ein paar Tausend Livetickern und Spielberichten als-Konstruktionen extrahiert habe. Denn vor allem mit diesen Konstruktionen verleiht man sprachlich den vielfältigen Rollen Ausdruck, in die ein Spieler während des Spiels schlüpfen kann und als polyvalenter Spieler auch schlüpfen muss.

Das Rollenarsenal der untersuchten Webseiten kicker.de und weltfussball.de war mit 342 verschiedenen Rollen schon recht beeindruckend. Doch wie sieht es in einem Medium aus, das sich für seine fußballtaktischen Analysen gerade die Unterscheidung verschiedenster Spielerrollen auf die Fahnen schreibt? Hier ist noch viel mehr Feingliedrigkeit in den Taxonomien zu erwarten, so wie ein Biologe 85 mitteleuropäische Libellenarten unterscheidet, wo der Laie allenfalls rote, grüne und blaue kennt.

Ich habe also auch die 1025 Bundesliga-Analysen des Taktikblogs Spielverlagerung.de der letzten fünf Jahre einer solchen Rollenanalyse unterzogen. (Notiz am Rande: Runtergeladen habe ich die Daten mit dem Kommandozeilenprogramm wget.)

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Kaltstellen wie im Lehrbuch

Ganz offenkundig sind Liveticker- und Spielberichtautoren fleißige Lehrbuchleser. Sonst wäre nicht ein immer wieder bemühtes Gütekriterium für Spielzüge aller Art, dass sie wie aus dem Lehrbuch oder lehrbuchmäßig seien. „Komparativer Phraseologismus“ hat man so etwas genannt, und vergleichbare Fälle aus der Fußballphrasenkiste wären wie ein Scheunentor, wie ein Hühnerhaufen oder wie eine Bahnschranke. Doch zurück zum Lehrbuch, das besonders häufig als Vergleich herangezogen wird, wie etwa hier in weltfussball.de-Livetickern:

lehrbuch

Das müssen interessante und unterhaltsame Lehrbücher sein, denn sie beinhalten neben dem Standardkapitel zum Kontern auch so vielversprechende Kapitel wie „Die Abtastphase“, „Der No-Look-Pass“ oder auch „Effektiv-Fußball“.  Selbst dem „Kaltstellen“ dürfte eine Passage gewidmet sein, deren genaue Lektüre hier dem Kölner Pedro Geromel zugeschrieben wird.

Eine (zugegeben flüchtige) Google Books Recherche in diversen Fußballlehrbüchern fördert aber zutage: Solche lustigen Lehrbücher gibt es nicht! Da überwiegen dann doch so schnöde Deskriptionen wie die, dass „nach einem schnellen Flügelwechsel der nun ballnahe Verteidiger zur anderen Seite verschiebt“, oder Ratschläge wie der, dass „bei der Anwendung einer Finte Spieler A deutlich täuschen soll, indem er den Täuschungsschritt weit seitlich nach vorne setzt“. Geht das nicht ein bisschen ansprechender?

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Phrasendicksaft, dreifach konzentriert


Dass es in der Fußballsprache von Phrasen nur so wimmelt, ist bekannt. Das gilt insbesondere für Spielberichte, wo die Phrasenhaftigkeit auch leicht erklärlich ist, schließlich müssen die Berichte schon kurz nach, am besten schon direkt zum Abpfiff geschrieben sein. Kein Wunder also, dass sich da allerhand Textroutinen einschleifen.

Gerade weil Spielberichte so stereotyp sind, eignen sie sich besonders gut für automatisierte Extraktion von Kollokationen. Phrasen Mining sozusagen. Kollokationen sind Wörter, die besonders häufig, genauer gesagt überzufällig häufig zusammen auftreten. Dabei nehmen die Wörter in genau dieser Kombination häufig eine andere oder zumindest spezifischere Bedeutung an als im freien Vorkommen und lassen sich auch nicht durch synonyme Ausdrücke ersetzen. So sagt man Abschied nehmen, aber Flucht ergreifen, obwohl man weder das eine noch das andere im wörtlichen Sinne nimmt oder ergreift.

Mit dem Ngram Statistics Package lassen sich solche Kollokationen vollautomatisch ermitteln, ohne dass man nach etwas bestimmtem suchen müsste. Das habe ich mit sämtlichen 3060 Bundesliga-Spielberichten der letzten zehn Spielzeiten von kicker.de ausprobiert und einen möglichst phrasendurchsetzten Durchschnittsspielbericht ausgerechnet.

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Kleine Rollenkunde des modernen Fußballs

Das Taktiklexikon von spielverlagerung.de führt alle Interessierten in die Finessen der Fußballtaktik ein, wozu ganz wesentlich auch die ausgefeilte Taxonomie der Spielerrollen gehört. Neben Altbekannten wie dem Spielmacher oder der hängenden Spitze kennt man nun auch den vorstoßenden Innen- oder Halbverteidiger.

Sprachlich betrachtet lassen sich Rollen recht gut daran erkennen, dass sie in als-Konstruktionen auftauchen. Jemand spielt als Innenverteidiger, überzeugt als Spielmacher oder tritt als Vorlagengeber in Erscheinung. Und diese Konstruktionen lassen sich in POS-annotierten Korpora ganz einfach mit der folgenden Suchanfrage ermitteln: KOKOM (ADJA) NN (man lese bei Interesse nach bei Marcus Müller: Sprachliches Rollenverhalten).

Eine entsprechende Suche in den je 3060 kicker.de-Livetickern und Spielberichten zur Bundesliga der letzten zehn Jahre und einer Auswahl von 2488 weltfussball.de-Livetickern spuckt eine stolze Liste aus, die auch nach manueller Bereinigung sage und schreibe 342 verschiedene Spielerrollen umfasst. Darunter auch so spezifische wie der spielende Stoßstürmer, rustikale wie die Brechstange und ganz exotische wie die launische Diva.

Dabei werden hier, wie es im modernen Fußball eben so ist, nicht nur pauschale Rollen verzeichnet, die ein Spieler das ganze Spiel über auszufüllen hat. Variabel muss man sein, wenn man Erfolg haben will, und immer wieder in neue Rollen schlüpfen, so wie es die aktuelle Spielsituation eben verlangt. Polyvalenz nennt man das neuerdings, und hier liefere ich ein paar Anregungen zur Polyvalenzoptimierung.

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Das Ende des Ballbesitzes?

Der allseits bekannte Fußballphilosoph (und Inhaber der DFB-Trainer-Lizenz, wie der Deutschlandfunk nicht müde wird zu betonen) Wolfram Eilenberger hat neulich in einer seiner Kabinenpredigten die „Idiotie mit dem Ballbesitz“ hart gegeißelt. Die Messgröße Ballbesitz sei ein Blindwert, der mit dem tatsächlichen Spielgeschehen nicht in ein analysetaugliches Verhältnis zu bringen sei. Trotzdem dominiere das Gerede vom Ballbesitz die Analysen der Trainer und Experten, womit Eilenberger Schluss machen möchte, und zwar am liebsten sofort.

Die Diagnose des alles beherrschenden Ballbesitzgeredes klingt plausibel. Sie müsste aber diachron spezifiziert werden. Das Wort ist zwar seit den Sechziger Jahren nachzuweisen (siehe den frühesten Beleg vom 8.6.1962 in Die Zeit), doch scheint es erst in in den letzten Jahren wirklich prominent geworden zu sein. Ist das so? Wir müssen glücklicherweise nicht spekulieren und überprüfen es empirisch.

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Wahnsinnsdampfhammer!

Livetickerautoren neigen  zu Übertreibungen. Eine vergebene Chance aus dem Finale des Africa Cups 2015 liest sich in einem weltfussball.de-Liveticker so:

Aluminiumkracher von Atsu! Ein beherzter Vorstoß von Ayew auf dem linken Flügel endet in einer Vorlage für den Everton-Profi, der aus mehr als zwanzig Metern einen Wahnsinnsknaller auf den Kasten feuert. Barry schaut verdutzt, während der Ball an den rechten Pfosten kracht!

Wahnsinn, so ein Spiel will doch man sehen!

In dieser Tickermeldung findet man vieles von dem, was Tickermeldungen eben auszeichnet. Und man findet das Präfix Wahnsinn-, das in gerade in Livetickern so produktiv ist. Hier die beeindruckende Liste von Wahnsinnswortbildungen aus 2488 weltfussball.de-Livetickern in absteigender Frequenz:

Wahnsinnsspiel, Wahnsinnstat, Wahnsinnspass, Wahnsinnsparade, Wahnsinnstor, Wahnsinnsding, Wahnsinnsreaktion, Wahnsinnshammer, Wahnsinnsreflex, Wahnsinnssolo, Wahnsinnsstimmung, Wahnsinnstreffer, Wahnsinnsaktion, Wahnsinnsbeginn, Wahnsinnseinstand, Wahnsinnspartie, Wahnsinnstempo, Wahnsinns-4:4, Wahnsinnsantritt, Wahnsinnsaufholjagd, Wahnsinnsauftritt, Wahnsinnsbude, Wahnsinnscomeback, Wahnsinnsdampfhammer, Wahnsinnsfreistoß, Wahnsinnsfreistoßtor, Wahnsinnsrettungstat, Wahnsinnschoreographie, Wahnsinnsdoppelchance, Wahnsinnsdribbling, Wahnsinnsflanke, Wahnsinnsflugparade, Wahnsinnsgefühl, Wahnsinnsknaller, Wahnsinnskopfball, Wahnsinnskracher, Wahnsinnspatzer, Wahnsinnsquote, Wahnsinnsrakete, Wahnsinnsschuss, Wahnsinnsstart, Wahnsinnsstatistik, Wahnsinnsszene

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Anstoß!

losgehts

Was wäre die Fußballlinguistik ohne die in unüberschaubarer Menge verfügbaren Daten im Netz? Auf weltfussball.de z.B. finden sich sämtliche Liveticker der letzten Jahre, die sich dank systematisch vergebener URLs leicht crawlen lassen.

Diese KWIC-Liste aus einem Korpus von Livetickern zu 2488 Spielen von eben dieser Quelle soll den Anpfiff für fussballlinguistik.de bilden. Der regelmäßige Spielbetrieb beginnt genau jetzt.

 

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