Autor: Simon Meier (Seite 1 von 2)

Ein Interview zum Livetickergenerator

Das famose Fußballmagazin ballesterer, das sich der „offensiven Erweiterung des Fußballhorizonts“ verschrieben hat, bringt im neuen Heft ein kurzes Interview mit mir zum Livetickergenerator. Natürlich habe ich eigentlich viel mehr gesagt (und wurde auch mehr gefragt), als nun letztlich abgedruckt wird. Und da ich das Interview via Email gegeben habe, nutze ich hier die Chance, um es hier in voller Länger abzudrucken:

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Wider die Erwartbarkeit – Zur Wahl des Fußballspruchs des Jahres 2017

Fußball wird nicht nur gespielt, über Fußball wird auch geredet und geschrieben. Und das so ausdauernd und ausführlich, dass sich zweifellos eine eigene Fußballsprache herausgebildet hat. Die schönste Nebensache der Welt wäre ja auch nicht halb so schön, wenn man nicht eine Sprache hätte, die, wie es der Linguist Armin Burkhardt ausdrückt, eine treffende und zugleich gruppenintegrative Kommunikation über den Sport erlauben würde. Fußballfans wissen, was eine Bogenlampe oder ein Staubsauger ist und wo der lange Pfosten steht. Was Mannschaften tun, wenn sie sich abtasten, und warum Torhüter mitunter Kirschen pflücken, all das wissen Fußballfans – und die anderen eben nicht. Und das ist ja gerade der Witz an der Sache: Eher Spezialbedeutungen bekannter Wörter als Spezialausdrücke, eher besondere Verwendungsweisen als Fachterminologien prägen die Fußballsprache und machen sie zu einer Art symbolischem Spielfeld innerhalb der Standardsprache, wo eben andere Spielregeln gelten und die all die zusammenbringen, die nach ihnen zu spielen vermögen.

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Ich baue mir einen Livetickergenerator

Livetickerautoren müssen vor allem schnell sein. Da bleibt keine Zeit für das Feilen an Formulierungen. Kein Wunder also, dass sie auf vorgefertigte Phrasen zurückgreifen, die dann nur noch an einzelnen Stellen variiert werden müssen. Wer Liveticker liest, erkennt bald die Formulierungsroutinen, die immer wieder herhalten müssen, und wer viele Liveticker liest, kennt auch bald die ganzen Varianten, denen zufolge mal die Pille, mal die Kugel, mal das Leder in die Maschen, das Netz oder über die Linie gedroschen, gehämmert und genagelt wird.

In England ist man vielfach sogar so konsequent, das Tickerschreiben gleich ganz den Maschinen zu überlassen. Die Ergebnisse sind aber dürftig, denn der Computer hat kein Stilbewusstsein (oder die, die ihn programmierten, haben keines). Der BBC-Liveticker etwa stört sich auch nicht an allerauffälligsten Wiederholungen:

88′ Offside, Brighton and Hove Albion. Mat Ryan tries a through ball, but Glenn Murray is caught offside.

88′ Offside, Arsenal. Rob Holding tries a through ball, but Theo Walcott is caught offside.

Das muss doch besser gehen – besser und variantenreicher! Und zum Beweis habe ich einen rudimentären Livetickergenerator programmiert, der für einige typische Spielsituationen (erzieltes Tor, Fehlschuss, Parade), für umfassendere Spielbeschreibungen sowie für Trainerzitate zufallsbasiert Livetickermeldungen ausspuckt.

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Der fachsprachliche Werkzeugkasten von spielverlagerung.de – Eine Inventur

Wer sich umfassend und detailreich über Fußballtaktik in ihrer ganzen Komplexität informieren möchte, der lese die Taktikanalysen von spielverlagerung.de. Und wem die „drischt die Kugel beherzt in den Winkel“-Diktion der Mainstream-Fußballpresse zu wenig differenziert ist, für den gilt dasselbe. Differenziertheit in den Beschreibungen und den Urteilen ist ganz sicher eine der obersten Maximen der SV-Autoren, was man nicht zuletzt an der neulich hier von mir zusammengestellten, unfassbar feingliedrigen Rollentaxonomie ersehen kann, die über die Jahre entwickelt wurde.

Das gefällt nicht jedem und muss es auch nicht. Zu kompliziert, zu nerdig, zu oberlehrerhaft sei das ganze. Was mir dagegen gefällt, ist die Reflektiertheit und, ha! Differenziertheit, mit der sich etwa der spielverlagerung-Gründer Tobias Escher – übrigens ausgebildeter Linguist – über die Funktionalität und den Adressatenzuschnitt des fachsprachlichen Registers geäußert hat, auch wenn er es so nicht genannt hat. Die Taktikanalysen richten sich eben nicht an alle, sondern an die, die ein Interesse an präzisen und fachlich korrekten Beschreibungen haben. Und neben den Grafiken sind nunmal sprachliche Beschreibungen das wichtigste Instrumentarium der Taktikanalysen, das dementsprechend gut präpariert sein will.

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kreieren – Karriere einer Vokabel

Ausländische Fußballtrainer sind zuverlässige Motoren des Sprachwandels. Ein Trainer, der besonders deutliche Spuren hinterlassen hat, ist zweifelsohne Louis van Gaal, der während seines Engagements beim FC Bayern München (2009-2011) nicht nur einige Ausdrücke geprägt hat, die wohl für immer und ewig van-Gaal-Gedächtnis-Vokabeln sein werden, wie etwa das Feierbiest oder die Redewendung Tod oder Gladiolen. Bleibender noch, weil tatsächlich ins Paradigma des Deutschen vollständig integriert, ist die Verbphrase Chancen kreieren. In seinen vielbesprochenen Pressekonferenzen und Interviews hat van Gaal immer wieder davon gesprochen, dass man „zu wenig Torchancen kreiert“ habe und dass sich überhaupt das Trachten einer jeden siegeswilligen Mannschaft auf das „Kreieren von Chancen“ zu richten habe.

Diese Ausdrucksweise war neu und irgendwie schrullig, und Journalisten haben darum gerne eben diese Verbphrase mit Anführungszeichen markiert und als typische van-Gaal-Diktion ausgewiesen:

Den Pfosten hatte Toni in der ersten Halbzeit getroffen, eine von 14 Chancen, die seine Mannschaft dieses Mal „kreiert” habe, wie van Gaal zählte.
(SZ, 26.10.2009)

Dass es im modernen Fußball nicht genügt, auf die Geistesblitze Einzelner zu vertrauen, sondern dass „Räume vorbereitet werden müssen“ (Joachim Löw), damit „Chancen kreiert“ (Louis van Gaal) werden können.
(taz, 10.07.2010)

Das „Kreieren von Torchancen“, wie es Ex-Bayern-Trainer Louis van Gaal genannt hat, zählt zu den Problemen der Eintracht.
(Rhein-Zeitung, 20.04.2013)

Und tatsächlich findet man im Netz verschiedentlich die Vermutung, dass die inzwischen so üblich gewordene Rede vom Chancen kreieren ein Erbe van Gaals sei – auch wenn sich die Mitnennung des Schöpfers dieser Ausdrucksweise inzwischen erübrigt hat. Außerdem findet man die Vermutung, vor van Gaal hätte man Chancen vielmehr herausgespielt oder sich erarbeitet, aber inzwischen würde man eben nur noch kreieren. Zumindest diese Vermutung kann man nun anhand von Pressekorpora empirisch überprüfen.

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Wer macht hier das Spiel?

Auftragsforschung galore! Über Twitter erreicht mich eine Anfrage von Eiserne Ketten, einem Taktikblog über den FC Union Berlin: Ob ich Daten über die Verwendungshäufigkeiten von „spielbestimmend“ und „das Spiel machen“ hätte. Habe ich natürlich, aber was wollen die Eisernen Ketten genau wissen? Ich vermute mal, ungefähr so etwas wie seinerzeit beim Ballbesitz, etwas diachrones also, und auf Nachfrage zeigen sie sich auch an den Kontexten interessiert. Na also, da kann ich liefern.

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Ein Traum!

In Livetickern, so viel ist sicher, geht es sehr expressiv zu. Allein über das zu informieren, was auf dem Platz passiert, ist offenbar nicht genug, um die Leserinnen und Leser massenhaft an die Smartphones und Bildschirme zu locken. Livetickerautoren müssen wohl immer auch die Perspektive der Fans einnehmen und – unparteiisch zwar, aber doch mit Nachdruck – emotionale Involviertheit in das Spielgeschehen zum Ausdruck bringen. Begeisterung zeigen, wenn Begeisterndes passiert, und offensiv maulen, wenn es ausbleibt.

Sprachliche Mittel des Expressiven gibt es viele und es gibt sie auf den verschiedensten sprachlichen Ebenen, von der Morphologie und Lexik über die Sytnax bis hin zur Graphostilistik. In dem Post Wahnsinnsdampfhammer bin ich kürzlich einem Phänomen an der Schwelle von der Lexik zur Morphologie nachgegangen, und die Beobachtung, dass Wahnsinn mehr und mehr zum Affix wird, weite ich hier auf das Lexem Traum aus.

In insgesamt 5190 Livetickern von weltfussball.de aus den Jahren 2006–16 (Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League, EM und WM) kommt Traum natürlich als Einzellexem vor, exakt 304 mal, und zwar zumeist als Traum (der Mannschaft und der Fans) vom Finale, vom Titelvon Europa, von Berlin usw., der sich manchmal erfüllt, meistens jedoch platzt oder ausgeträumt ist.

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Der perfekte Stürmer

Ich nutze die fußballfreie Zeit und komplettiere meine Elf-des-Tages-Serie mit der noch ausstehenden korpuslinguistischen Berechnung des Portfolios eines perfekten Stürmers (siehe die Einträge zu Torhütern, Verteidigern und Mittelfeldspielern). Inzwischen liegen mir 1133 Elf-des-Tages-Texte von 67 Spieltagen von sportschau.de und goal.com vor, davon 259 Texte über Angreifer. Von diesen Angreifer-Lobeshymnen ermittelt der Computer die Worthäufigkeiten, vergleicht die Frequenzliste mit dem des gesamten Korpus und zeigt mir alle Wörter an, die in Angreifer-Texten signifikant häufiger und mithin typisch sind.

Solche Keywordlisten sind gewissermaßen ein Kondensat der Erwartungshaltungen, die Journalisten an das Spiel von Stürmern herantragen. Ich rühre aus dem Kondensat wieder eine Suppe an und verfasse hier eine besonders typische Stürmer-Lobeshymne. Um also in der Elf des Tages zu landen, muss ein Angreifer nur das hier tun (alle signifikanten Keywords sind fett markiert, das statistische Maß war Log Likelihood Ration, p < 0,05):

ein Doppelpack erzielen, am besten sogar drei Tore schießen | ein ständiger Unruheherd sein, stets Torgefahr ausstrahlen und seine Chancen eiskalt verwandeln | den Gegner quasi im Alleingang erledigen | das stehen, wo ein Torjäger stehen muss | mit dem Gegner leichtes Spiel haben | mit vielen Treffern sein Konto in die Höhe schrauben damit den Weg in die Champions League ebnen

Der typische Angreifer-Phraseologismus (und damit das Pendant zum Turm in der Schlacht bzw. zum Dreh- und Angelpunkt) ist der ständige Unruheherd, der sich eben idealerweise im gegnerischen Strafraum befindet. Aber der perfekte Stürmer ist zu erstaunlichen Temperaturstürzen fähig, denn wenn er einmal den Ball auf dem Fuß hat, möge er bitte eiskalt sein.

Interessant ist neben dem Adverb quasi, mit dem die dem Teamgedanken allzu sehr entgegenstehende PP im Alleingang abgeschwächt wird, auch das Pronominaladverb damit (mit der Betonung auf da, nicht auf mit) in seiner anaphorischen Funktion, das typischerweise die Formulierung von Folgen des zuvor Genannten einleitet. Wenn es darum geht, die Folgen eines Spiels einem bestimmten Spieler anzurechnen, dann kommen dafür offenkundig vor allem toreschießende Stürmer in Frage.

Um die Torjägerkrone streiten sich mit jeweils 25 Nominierungen übrigens erwartungsgemäß Robert Lewandowski und Pierre-Emerick Aubameyang.

Der perfekte Mittelfeldspieler

Und wieder rücke ich weiter nach vorne und errechne nun nach dem perfekten Torwart und dem perfekten Verteidiger auch das Portfolio des perfekten Mittelfeldspielers aus. Dazu unterziehe ich 1056 Elf-des-Tages-Texte aus 95 Spieltagen von sportschau.de und goal.com einer positionssortierten statistischen Keyword-Analyse. Der Computer zählt alle Wörter in den Mittelfeldspieler-Laudationes aus, vergleicht diese Frequenzliste mit der des gesamten Korpus und zeigt alle Wörter an, die in  diesen Texten überzufällig häufig und deshalb typisch sind.

Solche Keywordlisten von Lobeshymnen auf vorbildliches Mittelfeldspiel sind das sprachliche Skelett der Erwartungshaltungen, die Journalisten derzeit an das Fußballspiel herantragen. Ich betätige mich dagegen als umgekehrter Anatom und behänge die Knochen wieder mit Fleisch – ich ergänze also die Wörter zu typischen Mittelfeldphrasen. Um in der Elf des Tages zu landen, müssen Mittelfeldspieler einfach nur das hier tun (alle signifikanten Keywords sind fett markiert, das statistische Maß war Log Likelihood Ratio, p < 0,05):

Dreh- und Angelpunkt des Spiels sein | an allen Treffern beteiligt sein | Tore auflegen und vorbereiten und eines selbst erzielen | der auffälligste Spieler auf dem Platz sein | die meisten Zweikämpfe führen  | eine herausragende Laufleistung von mehr als 11 Kilometern hinlegen

Interessant ist hier vor allem der Kontrast zu den Verteidigern. Wurden diese vor allem an ihren in Prozent messbaren Zweikampfquoten gemessen werden, sind es bei den Mittelfeldspielern die Laufleistungen in Kilometern. Aufschlussreich ist auch das Wörtchen auffällig – damit ist eine Eigenschaft angesprochen, die Verteidigern eher nicht zukommen sollte, da im Defensivbereich vor allem Fehler auffallen würden. Verteidiger müssen ihren Job souverän und solide erledigen, mit einer Attitüde, die man in der Renaissance als sprezzatura beschrieben hat, und dazu gehört es eben gerade, auf auffällige Weise unauffällig zu sein.

Knapp unterhalb der Signifikanzschwelle führt die Keywordliste noch drei weitere aufschlussreiche Wörter: agil, schön und ballsicher.  Auch das sind offenbar Eigenschaften, die man weder Verteidigern und Stürmern erwartet; diese müssen vielmehr eine gewisse Robustheit und Duchschlagskraft an den Tag legen.

Und wer ist nun der perfekte Mittelfeldspieler? Ungefährdet an der Spitze mit 18 Nominierungen: Henrikh Mkhitaryan.

Postfaktischer Fußball

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat „postfaktisch“ zum Wort des Jahres gewählt. Das Wort verweise darauf, „dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht“, dass nicht „der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der ‚gefühlten Wahrheit'“ zum Erfolg führe.

Erfolg – das sei mal dahingestellt. Klar ist aber, dass gefühlte XYs sich auch im Fußball tummeln. Neben der auch in anderen Themenbereichen verbreiteten gefühlten Ewigkeit sind es hier neben gefühlten Distanzen (gefühlte 17 Meter über das Tor) vor allem gefühlte Spielstatistiken: Ballbesitzprozente, Ballkontakte, Abseitsstellungen usw. (alle Belege aus Bundesligalivetickern von kicker.de und weltfussball.de):

Bei gefühlten 90 % Ballbesitz der Dortmunder kommt es nicht zu dem hohen Tempo, das man sich als neutraler Fußballfan wünscht.

Die kicker-LIVE!-Daten weisen lediglich 57 Prozent Ballbesitz für die Fohlen aus. Gefühlt sind es weitaus mehr.

Gott ist das hier ein Einwurffestival! In den letzten drei, vier Minuten hatten wir gefühlte 20 Einwürfe. Ganz schwache Anfangsphase!

Der arme Ntibazonkiza findet heute gar nicht ins Spiel . Das war schon seine gefühlte zwanzigste Abseitsstellung …

Giorgios Tzavellas hat heute gefühlte 1000 Ballkontakte. Immer wieder segeln seine Flanken in den Mainzer Strafraum, direkt auf die Köpfe von Amanatidis, Gekas und wie sonst noch heißen.

Das hat fast schon einen subversiven Unterton, so als wolle man sich dem Diktat der vermeintlich objektiven Quantifizierungen nicht beugen.

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