Monat: Dezember 2016

Der perfekte Mittelfeldspieler

Und wieder rücke ich weiter nach vorne und errechne nun nach dem perfekten Torwart und dem perfekten Verteidiger auch das Portfolio des perfekten Mittelfeldspielers aus. Dazu unterziehe ich 1056 Elf-des-Tages-Texte aus 95 Spieltagen von sportschau.de und goal.com einer positionssortierten statistischen Keyword-Analyse. Der Computer zählt alle Wörter in den Mittelfeldspieler-Laudationes aus, vergleicht diese Frequenzliste mit der des gesamten Korpus und zeigt alle Wörter an, die in  diesen Texten überzufällig häufig und deshalb typisch sind.

Solche Keywordlisten von Lobeshymnen auf vorbildliches Mittelfeldspiel sind das sprachliche Skelett der Erwartungshaltungen, die Journalisten derzeit an das Fußballspiel herantragen. Ich betätige mich dagegen als umgekehrter Anatom und behänge die Knochen wieder mit Fleisch – ich ergänze also die Wörter zu typischen Mittelfeldphrasen. Um in der Elf des Tages zu landen, müssen Mittelfeldspieler einfach nur das hier tun (alle signifikanten Keywords sind fett markiert, das statistische Maß war Log Likelihood Ratio, p < 0,05):

Dreh- und Angelpunkt des Spiels sein | an allen Treffern beteiligt sein | Tore auflegen und vorbereiten und eines selbst erzielen | der auffälligste Spieler auf dem Platz sein | die meisten Zweikämpfe führen  | eine herausragende Laufleistung von mehr als 11 Kilometern hinlegen

Interessant ist hier vor allem der Kontrast zu den Verteidigern. Wurden diese vor allem an ihren in Prozent messbaren Zweikampfquoten gemessen werden, sind es bei den Mittelfeldspielern die Laufleistungen in Kilometern. Aufschlussreich ist auch das Wörtchen auffällig – damit ist eine Eigenschaft angesprochen, die Verteidigern eher nicht zukommen sollte, da im Defensivbereich vor allem Fehler auffallen würden. Verteidiger müssen ihren Job souverän und solide erledigen, mit einer Attitüde, die man in der Renaissance als sprezzatura beschrieben hat, und dazu gehört es eben gerade, auf auffällige Weise unauffällig zu sein.

Knapp unterhalb der Signifikanzschwelle führt die Keywordliste noch drei weitere aufschlussreiche Wörter: agil, schön und ballsicher.  Auch das sind offenbar Eigenschaften, die man weder Verteidigern und Stürmern erwartet; diese müssen vielmehr eine gewisse Robustheit und Duchschlagskraft an den Tag legen.

Und wer ist nun der perfekte Mittelfeldspieler? Ungefährdet an der Spitze mit 18 Nominierungen: Henrikh Mkhitaryan.

Postfaktischer Fußball

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat „postfaktisch“ zum Wort des Jahres gewählt. Das Wort verweise darauf, „dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht“, dass nicht „der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der ‚gefühlten Wahrheit'“ zum Erfolg führe.

Erfolg – das sei mal dahingestellt. Klar ist aber, dass gefühlte XYs sich auch im Fußball tummeln. Neben der auch in anderen Themenbereichen verbreiteten gefühlten Ewigkeit sind es hier neben gefühlten Distanzen (gefühlte 17 Meter über das Tor) vor allem gefühlte Spielstatistiken: Ballbesitzprozente, Ballkontakte, Abseitsstellungen usw. (alle Belege aus Bundesligalivetickern von kicker.de und weltfussball.de):

Bei gefühlten 90 % Ballbesitz der Dortmunder kommt es nicht zu dem hohen Tempo, das man sich als neutraler Fußballfan wünscht.

Die kicker-LIVE!-Daten weisen lediglich 57 Prozent Ballbesitz für die Fohlen aus. Gefühlt sind es weitaus mehr.

Gott ist das hier ein Einwurffestival! In den letzten drei, vier Minuten hatten wir gefühlte 20 Einwürfe. Ganz schwache Anfangsphase!

Der arme Ntibazonkiza findet heute gar nicht ins Spiel . Das war schon seine gefühlte zwanzigste Abseitsstellung …

Giorgios Tzavellas hat heute gefühlte 1000 Ballkontakte. Immer wieder segeln seine Flanken in den Mainzer Strafraum, direkt auf die Köpfe von Amanatidis, Gekas und wie sonst noch heißen.

Das hat fast schon einen subversiven Unterton, so als wolle man sich dem Diktat der vermeintlich objektiven Quantifizierungen nicht beugen.

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Der perfekte Verteidiger

Nachdem ich im letzten Post die Eigenschaften des perfekten Torwarts umrissen habe, arbeite ich mich nun auf dem Feld ein paar Meter nach vorne und widme mich nun den Verteidigern. Abermals gehe ich so vor, dass ich die Elf-des-Spieltages-Texte von 95 Spieltagen von sportschau.de und goal.com nach Positionen sortiere und die insgesamt 309 Verteidiger-Texte statistischen Keyword-Analysen unterziehe. Ich vergleiche also die Worthäufigkeiten in den Verteidigertexten mit denen des gesamten Korpus und lasse mir alle Wörter anzeigen, die in Verteidigertexten signifikant häufiger und deshalb typisch sind.

Da es sich durchgängig um Lobeshymnen auf besonders vorbildliche Verteidigerleistungen handelt, kann man von den errechneten Keywords auf die Erwartungen schließen, die Journalisten derzeit an das Verteidigerspiel herantragen (interessant wären jetzt natürlich diachrone Analysen, aber da fehlen mir die Daten). Und ich als Analysierender kann die Keywords als Gerüst für eine typische Verteidigerlaudatio verwenden. Um in der Elf des Tages zu landen, müssen Verteidiger einfach nur das hier tun (alle signifikanten Keywords sind fett markiert, das statistische Maß war Log Likelihood Ratio, p < 0,05):

souverän sein | möglichst viele Prozent der Zweikämpfe gewinnen und eine super Passquote haben hinten alles abräumen und nichts anbrennen lassen | gutes Stellungsspiel beweisen | ein Turm in der Schlacht sein | seine Abwehrseite im Griff haben | den Gegner abmelden und nicht zur Entfaltung kommen lassen | für solides Aufbauspiel sorgen | sich vorne in die Offensive einschalten

Wenig überraschendes ist darunter, aber das haben typische Texte so an sich. Interessant ist aber doch, dass ein sehr guter Verteidiger sich von einem guten eben durch die Offensivaktionen unterscheidet. Und für offensive Spielzüge von Spielern, deren eigentliches Geschäft die Defensive ist, gibt es das vielsagende Wort einschalten.

Grammatisch aufschlussreich ist die Signifikanz von lassen, das fast nur negiert auftritt und in der Negation zwischen permittierender (die Entfaltung nicht zulassen) und kausativer (veranlassen, dass die Entfaltung nicht stattfindet) Lesart schwankt (vgl. IDS-Grammatik S. 1413). In jedem Fall sind nicht-lassen-Konstruktionen besonders dazu geeignet, das Abwartende, Reagierende im Abwehrspiel zu bezeichnen.

Der fleischgewordene perfekte Verteidiger in meinem Korpus mit stolzen 17 Nominierungen ist übrigens – Mats Hummels.

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